Es ist der letzte Rettungsanker bei Familienfeiern: Wenn das jüngere Publikum vornübergebeugt im Netz versinkt und das ältere Publikum verzweifelt versucht, sie aus diesen Untiefen herauszufischen – dann gibt es ein Wort, das wie eine paradoxe Intervention funktioniert: Vierteltelefon. Der technologische Zauber einer Festnetzanomalie. Meist dauert es nicht lang, bis irgendjemand mit einem Sehnsuchts-Seufzer die Zeit beschwört, als sich die Unterhaltungsindustrie zwischen Musikkassetten, Testbild und Yps-Heften einpendelte. Mit einer durchschnittlichen TV-Nutzungszeit von 170 Minuten täglich (ab 12 Jahren) mutet Österreich wie eine Arche im digitalen Mahlstrom an, aber der kulturelle Umbruch in der Mediennutzung ist unumkehrbar.
Dass RTL „Du gewinnst hier nicht die Million bei Stefan Raab“ in der jetzigen Form nicht fortführen will und die Castingshow „Das Supertalent“ nach 17 Staffeln einstellt, ist dieser Entwicklung geschuldet. Es sei dem Sender nicht gelungen, eine zukunftsfähige Antwort auf TikTok und YouTube zu finden, erklärte Inga Leschek, Programmchefin von RTL-Deutschland, dem Branchenmedium dwdl.de.
Die heutige Mediennutzung ist durch den technologischen Fortschritt diametral anders: Was Streaming und YouTube für das Fernsehen ist, ist Spotify für das Radio – die individualisierte Nutzung von Inhalten unabhängig von Ort und Zeit. Selbst für ältere Generationen ist das längst Standard. Plattformen wie TikTok ermöglichen den Konsum von passgenau für die Plattform zugeschnittenen Inhalten, die aktive Teilhabe und das individuelle Weiterverarbeiten in und für die eigenen Bubbles. Seine Inhalte auf TikTok und YouTube auszulagern reicht für die Sender nicht aus, um ein junges Zielpublikum anzulocken.
Eine mögliche Zukunftsstrategie
„Bei der jungen Generation haben die Fernsehsender den Kampf schon verloren. Die Sender, die überleben werden, werden dies als Plattformen, auf denen man unterschiedliche Inhalte abrufen kann“, skizziert Medienexperte Rainer Winter von der Uni Klagenfurt eine mögliche Zukunftsstrategie. Letztere ist für Private noch dringlicher als für die Öffentlich-Rechtlichen. Aber auch hier eilt es: Im September kündigte ORF-Chef Roland Weißmann vor dem Publikumsrat eine finanzielle Umschichtung in Richtung Streamingbereich an, wo verstärkt junge Zielgruppen zu finden sind. Geplant sind Streaming-First-Programme mit „ganz anderem look-and-feel“.