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Mammut-KunstprojektZeitreise in das Leben der anderen

In Paris taucht man derzeit in eine Parallelwelt unfassbaren Ausmaßes ein: Das Mammut-Kunstprojekt „Dau“ versetzte Tausende jahrelang in die Stalin-Ära. An der Seine gibt es nun Kostproben vom Leben in der Vergangenheit.

Unheimlicher Rückblick auf die Sowjetära: Kunstprojekt "Dau" in Paris
Unheimlicher Rückblick auf die Sowjetära: Kunstprojekt "Dau" in Paris © APA/AFP/Philippe Lopez
 

Begonnen hat es harmlos: als Filmprojekt über den sowjetischen Physiker, Nobelpreisträger und Vorkämpfer der freien Liebe, Lew Landau (1908–1968). Geworden ist daraus ein megalomanes Gesamtkunstwerk, das nun weltweit Kritik und Publikum verdattert: Seit Ende Jänner ist in den Pariser Theatern du Châtelet und de la Ville das immersive Großprojekt „Dau“ des russischen Regisseurs Ilya Khrzhanovsky zu erleben.

In einem Möglichkeitsraum zwischen Gegenwart und Vergangenheit entwirft die wohl ehrgeizigste und bestimmt bizarrste Kunstshow des 21. Jahrhunderts eine Art stalinistische Gegenwelt, ein nachgebautes Sowjetreich, minutiös ausgestattet. Wer auf Zeitreise gehen will, muss ein Visum beantragen: für sechs oder 24 Stunden – oder für unbeschränkten Zutritt während der Gesamtdauer der Pariser Schau. Jedem Gast wird ein individueller Erlebnisparcours aus z.B. Konzerten, Vorträgen, Vieraugengesprächen mit religiösem und psychologischem Personal erstellt. 13 Langspielfilme gehören ebenso zum Programm wie 700 Stunden ungeschnittenes Filmmaterial.

Entstanden ist all das in einem Bauwerk, das Khrzhanovsky nahe der ukrainischen Stadt Charkiw errichtete. „Das Institut“ nannte er das zwei Fußballfelder große festungsähnliche Konstrukt, dessen Architektur eine Aura zwischen sozialistischem Realismus und Fritz Langs „Metropolis“ verströmte. Nachempfunden war es den geschlossenen Forschungsstädten der Sowjetära, Tausende Mitwirkende lebten in dem mittlerweile abgerissenen Gebäude russischen Alltag zwischen 1938 und 1968 nach – in einem rund drei Jahre währenden Experiment von 2008 bis 2011. Khrzhanovsky gab ein strenges Regelwerk vor, Regieanweisungen erteilte er nicht.

Betreten durfte man die stalinistische Truman-Show nur ohne moderne Kommunikationsmittel, nach Haarschnitt und Garderobenwechsel in kratzige Sowjet-Wäsche. Sogar Nahrungsmittel, Zigaretten, Lockenwickler wurden originalgetreu dem russischen Alltag der letzten Jahrhundertmitte nachgebaut. Unglaublich: Khrzhanovsky, zuvor nur mit einem einzigen Film namens „4“ aufgefallen, überredete nicht nur den Dirigenten Teodor Currentzis, in der Rolle von Lew „Dau“ Landau insgesamt ein Jahr am Set zu verbringen. Die Performancekünstlerin Marina Abramovic und Regisseure wie Romeo Castellucci und Peter Sellars tauchten ebenso für Tage und Wochen in die Fiktion ein wie Stars der Wissenschaft: Woran James H. Fallon, David Gross, Carlo Rovelli & Co. bei ihren Aufenthalten im „Institut“ geforscht haben, ist allerdings obskur.

Mastermind Khrzhanovsky, angeblich vom Oligarchen Sergej Adonjew finanziert, heuerte Ärzte, Buchhalter, Putzkräfte an, russische Neonazis übernahmen die Rolle des Geheimdiensts KGB. Manche der laut „Guardian“ insgesamt 10.000 Schauspieler und Statisten ergriffen die Flucht. Andere sollen die versiegelte Parallelwelt monate-, sogar jahrelang nicht verlassen haben, obwohl laut Kontrakt jede Sekunde des Aufenthalts gefilmt und verwertet werden konnte: Arbeit, Freizeit, Ernährung, Alkoholkonsum, Sex.

 

Das "Institut" im ukrainischen Cahrkiw war drei Jahre lang bewohnt Foto © DAU

Letztlich geht „Dau“ in der ausgedehnten Dokumentation von Alltag und Beziehungsleben wohl der Frage nach, ob Menschen, die sich – unter welchen Umständen auch immer – selbst spielen, wirklich sie selbst sind. Allerdings: Dass sich nur Freiwillige am Set aufhielten, macht mittlerweile aufgetauchte Berichte von Gewalttaten und sexuellen Übergriffen nicht weniger bedrückend. Khrzhanovsky gibt keine Interviews; Mitarbeiter sagen, ein existenzielles Experiment dieser Größenordnung führe zwangsläufig zu Ambivalenzen. Abgeschlossen ist „Dau“ übrigens noch nicht. Wer das Projekt besucht, wird zu einem Teil von ihm, heißt es auf der Homepage. Bis 17. Februar ist Paris der Schauplatz, danach soll „Dau“ in London laufen. Weitere Schauplätze sind geplant.
www.dau.com

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