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Elektra in LinzGefangen in den Zwängen des Vergangenen

Das Landestheater Linz zeigt Richard Strauss' "Elektra" in einer musikalisch wie szenisch dichten, fein gewobenen Interpretation. Ein Reisetipp.

"Elektra" am Landestheater Linz: eine fein gewobene Interpretation
"Elektra" am Landestheater Linz: eine fein gewobene Interpretation © Linzer Landestheater
 

Was das Publikum wohl gedacht haben mag, zum ersten Mal umtost von den Klangwogen der Strauss'schen Elektra? 1909 war das, in Dresden. Keiner hatte vor Strauss die spätromantische Tonsprache kühner aus der Verkettung mit den Tonarten gelöst. Strauss selbst kehrte nach Elektra wieder in gemäßigtere Bahnen zurück. Wie umgehen mit diesem archaischen Solitär, dieser Mordmaschine, ja Splatter-Oper und ihren monumentalen Klangmassen?

Markus Poschner hat schon bei seiner „Frau ohne Schatten“ gezeigt, dass er von Klangüberwältig nichts hält. Auch seine „Elektra“ interessiert sich für jedes Detail der überbordenden Partitur. Er drosselt den Klang, ohne dass die Spannung darunter litte. Wie Poschner zeigt, ist emotionale Wucht keine Funktion von Dezibel. Gefährlich dräuend wälzt sich der Klangwurm vor der Bühne, ohne die Verständlichkeit der Sänger je zu beeinträchtigen. Schließlich ist die Oper nicht nur von Richard Strauss, sondern sehr wesentlich auch von Hugo von Hofmannsthal.

Gemeinsam mit dem Regisseur Michael Schulz zeichnet Poschner das Psychogramm einer Verstörten, der es nicht gelingt, aus den imaginären Räumen ihrer jugendlichen Traumata auszubrechen. Die drehbare Zimmerflucht (Bühne Dirk Becker), die Elektra Türen knallend durcheilt, zeigt ihre Gegenspielerinnen gefangen in Phantasieräumen, Abbilder von Seelenzuständen. Resignation vermittelt die Trauerweide inmitten von Chrysotemis' Zimmer, desolat und verfallen wirkt der Raum der Königin, das Kinderzimmer des Orest liegt unberührt, als wäre das Kind gerade erst hinausgegangen. Hier dreht Elektra vor Beginn der ersten Orchesterschläge einen Kreisel, Symbol der ewigen Wiederkehr des Gleichen, einer generationsübergreifenden Verkettung von Gewalttaten, die nichts lösen, sondern immer noch mehr Blut fordern. Von der Erlösung durch Rechtsstaatlichkeit, die das griechische Original andeutet, bleibt bei Schulz wie bei Hofmannsthal keine Spur.

Durch Leichenhaufen

Um den Schrecken der Rachelogik sichtbar zu machen, holt Schulz auch jene Vorgänge ans Theaterlicht, die sonst hinter den Kulissen verborgen bleiben. Das Gemetzel unter den Höflingen, das der Text andeutet, hier findet es vor den Augen des Publikums statt. Ernüchtert und verwirrt streift Elektra am Ende durch Leichenhaufen. Ihr finaler Triumph weicht von Takt zu Takt mehr der Einsicht, dass die Erfüllung ihres Rachetraums nichts löst.

Stehende Ovationen für das Ensemble, allen voran die gewaltige Miina-Liisa Värelä. Vom verstockten Racheengel entwickelt sie ihre Elektra zur raffinierten Psychologin und zurück zur Schlächterin. Am Ende nimmt sie selbst teil am Gemetzel ihres Bruders. Kraftvoll und zart meistert sie alle Klippen der mörderischen Partie. Mit Zartheit und Durchschlagskraft zeigt Brigitte Geller eine differenzierte Charakterstudie der Chrysotemis. Der oft im Vagen bleibenden Figur verleiht sie ungewohnte Lebendigkeit. Die junge Katherine Lerner gibt der Klytämnestra die Chance, als Mensch wahrgenommen zu werden, als Opfer des Atriden-Fluchs, der über der ganzen Familie liegt. Sogar die Mägde tragen Wichtiges zum Verstehen eines kollektiven Verhängnisses bei, individuell gezeichnet von Schulz und musikalisch getragen von Poschner. Berechtigter Jubel für einen gewaltigen Kraftakt.

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