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PremierenkritikDieses "Ragtime"-Musical sollte weit über Graz hinaus strahlen

Österreichische Erstaufführung von "Ragtime" an der Oper Graz: Mit englischen Songtexten und deutschen Dialogen erlebte das Premierenpublikum einen dichten Abend ohne Schmalz. Stürmischer Applaus und Bravos nach drei Stunden!

Szene aus "Ragtime" am Grazer Opernhaus © Werner Kmetitsch/Oper Graz
 

"Ragtime" sei im Vergleich zu manch' anderen Stücken des Musical-Genres "kein Werk, das nach einfachen Lösungen giert", schwärmte Regisseur Philipp Kochheim im Vorfeld der Grazer Premiere. Die Komplexität der Handlungsstränge "fordert das Publikum heraus, sich seinen eigenen Weg durch die Stofffülle zu suchen", betonte der 47-jährige Deutsche. Kochheim selbst war es, der die Erstaufführung von „Ragtime“ im deutschen Sprachraum initiiert hat - als Kraftakt (angefangen bei den rund 450 Kostümen), den viele für unmöglich hielten. Nach erfolgreichen Spielzeiten in Braunschweig und Kassel holte ihn Intendantin Nora Schmidt an die Grazer Oper, damit er bei der Österreichischen Erstaufführung auch selbst Hand anlegen konnte.

Nun denn: Das weitgehend unbekannte Musical sollte auch bei uns reüssieren. Unbedingt! Stimmig und mit Tempo, aber ohne Hudelei in Szene gesetzt, wird sowohl den Inhalt als auch das wunderbare Ensemble betreffend das Motto ausgerufen: Wenn wir nicht mutig sind, wer ist es dann!?! Der Querschnitt durch etwas mehr als ein Jahrzehnt amerikanischer Geschichte bietet musikalische Perlen wie "Goodbye, My Love", "Wheels of a Dream" und "Make Them Hear You". Ohne Kitsch und Zuckerlfarben. Dionne Wudus Interpretation von "Your Daddy's Son" hat Weltstar-Klasse. Viel Applaus auch für Monika Staszak als Mutter, natürlich ebenfalls für Alvin Le-Bass als Coalhouse Walker Jr., dessen Gesang den Zuhörer wie warme Milch erwärmt. Markus Schneider ist ein weiterer Beweis, dass Musical nicht aus überbordenden Gesten bestehen muss und fein modellierte Charaktere willkommen sind.

Angesichts der Emotionalität in den Songs und den nie aus der Zeit kommenden Dramen von Ausgrenzung, Auswanderung und sozialer Ungerechtigkeit staunt man nach diesem kompakten Abend, warum "Ragtime" noch kein Siegeszug wie etwa "Les Misérables" vergönnt war. Die Oper Graz hat damit jedenfalls einen "new day" ausgerufen: In Sachen Musical ist ein neuer Tag angebrochen . . . man darf an den großen Häusern unserer Landeshauptstädte nicht bloß die verlässlichen Evergreens im Repertoire haben. Sondern muss Mut beweisen!

Seit der Uraufführung in Toronto (1996) kam "Ragtime" auf zwei Laufzeiten am New Yorker Broadway - stets eine Messwert in der Branche. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von E. L. Doctorow, werden drei Schicksale zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Amerika miteinander verwoben. Anhand dieser geschickt verflochtenen Lebenslinien wird auch von den politischen und sozialen Umbrüchen jener Epoche erzählt. Und vom Menschen im Allgemeinen. Rund 100 Jahre später.

„Ragtime“: Oper, Graz. Basierend auf dem Roman „Ragtime“ von E. L. Doctorow.
Buch: Terrence McNally, Musik von Stephen Flaherty, Gesangstexte von Lynn Ahrens.
Musikalische Leitung: Robin Engelen | Marcus Merkel.
Inszenierung: Philipp Kochheim.
Kostüme: Mathilde Grebot.
Choreografie: Kati Farkas.
Mit Alvin Le-Bass, Dionne Wudu, Wolfgang Höltzel, Monika Staszak, Markus Schneider, Randy Diamond, Katja Berg, Darrin Lamont Byrd, Florian Stanek, Andrea Purtić, Ricky Watson u. a.
Vorstellungen bis 9. Mai  (die zweite Vorstellung ist schon heute, Sonntag, um 15 Uhr angesetzt!)
Karten: Tel. (0 316) 80 00.

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