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Berlinale-AuftrittGrete Tiesel: Die Frau für die extremen Rollen

Bei der Berlinale ist die Grazer Schauspielerin Grete Tiesel in Fatih Akins „Der goldene Handschuh“ zu sehen. Ein Porträt.

Schauspielerin Grete Tiesel: „Habe mich von einem Job zum nächsten gehantelt“ © KLZ/Marija Kanizaj
 

Grete Tiesel ist genervt. Immer dann, wenn andere Frauen ihr erzählen, wie „mutig“ sie sie finden. „Manchen ist unheimlich, was ich da mache“, sagt sie und lacht. Seit ein paar Jahren ist Tiesel berühmt dafür, Frauen ihr Gesicht, ihre Stimme, ihren Körper zu leihen, die man gerne übersieht. Rollen weit abseits der Mütter und Ehefrauen, die Schauspielerinnen ihres Alters üblicherweise angeboten bekommt.

Begonnen hat das 2012 mit Ulrich Seidls „Paradies: Liebe“; da spielte sie eine einsame Alleinerzieherin, die nach Kenia fährt, um sich Liebe zu kaufen. Für die Darstellung dieser Verzweifelten, die sich seelisch und körperlich entblößt, wurde sie für den Europäischen Filmpreis nominiert. Seither war sie in mehr als zwei Dutzend Kino- und TV-Filmen zu sehen. In Dominik Hartls „Angriff der Lederhosen-Zombies“ ebenso wie in Wolfgang Murnbergers Brenner-Krimi „Das ewige Leben“.

Nächsten Samstag wird sie, im Berlinale-Palast auf dem Potsdamer Platz, als Ehrengast der Uraufführung von Fatih Akins Film „Der goldene Handschuh“ im Rahmen des Festivals beiwohnen. Der Film läuft dort im Wettbewerb, Tiesel spielt die zweite Hauptrolle: Gerda Voss, eine obdachlose Trinkerin.

Aus dem Leben des Serienmörders


Entstanden nach dem gleichnamigen Roman von Heinz Strunk, beschreibt der Film, von dem noch nicht sicher ist, ob man ihn dem Horrorgenre zuordnen wird oder der Gesellschaftssatire, das Leben des Hamburger Serienmörders Fritz Honka (1935–1998), der im Verlorenenmilieu der Stadt Mitte der 70er-Jahre vier Frauen getötet, zerstückelt und in seiner Wohnung versteckt hat.

Im Trailer ist Tiesel – blond, lebhaft, hochinfektiöses Lachen – kaum zu erkennen; ein vollkommen ruinierter Mensch sitzt da im Bild, das Gesicht vom Suff entstellt, die Seele vom Leben verkrümmt. In einer Szene verliest sie einen Kontrakt, in dem sie gelobt, sich völlig Honka zu unterwerfen und ihm auch noch ihre Tochter zuzuführen.

"Geh bitte, Grete!"

Wie spielt man so etwas? Kurzes Zögern. Bei einem Aufenthalt in München, erzählt Tiesel dann, habe sie auf der Straße eine Obdachlose gesehen und sich überlegt, ihr unbemerkt zu folgen, um ein Gefühl für einen Menschen zu bekommen, der nirgends mehr hingehört. „Aber dann habe ich mir gesagt: Geh bitte, Grete! Die arme Frau willst du benutzen? Hol das gefälligst aus dir selber heraus, Frau Schauspielerin.“ Nachsatz: „Jeder kennt doch die Momente tiefer Verzweiflung, in denen man nicht weiß, wie es weitergeht, und alles mit sich machen lässt, weil’s einem wurscht ist.“

Grete Tiesel in "Angriff der Lederhosenzombies" Foto © KK

Tiesels Karriere war keine beschauliche Erste-Klasse-Fahrt. Als sie Anfang der Neunzigerjahre am Grazer Schauspielhaus vorsprach, kam ihr Mann Franz Solar als ihr Stichwortgeber mit. Er wurde engagiert, sie nicht. Sie schlug sich daraufhin jahrelang mit Gastrollen durch, spielte in der freien Szene, gab Schauspielunterricht: „Ich habe mich von einem Job zum nächsten gehangelt.“ Heute tanzt sie auf vielen Hochzeiten; am Grazer Schauspielhaus etwa ist sie gemeinsam mit Solar regelmäßig in der Erfolgsproduktion „Die Wunderübung“ zu sehen und spielt im März in Strindbergs „Fräulein Julie“.

Die Würde lassen

Im Fernsehen kommt demnächst eine Episodenrolle in „Soko Donau“, dann die neue Serie „Liebermann“. Freut es sie, dass sie dank TV-Auftritten wie in „Walking on Sunshine“ oder „Grießnockerlaffäre“ auf der Straße erkannt wird? „Natürlich ist es auch schön, nicht nur die Zerstörten zu spielen“, sagt sie. Aber dass Figuren wie Gerda Voss zur Auseinandersetzung mit Themen wie Frauenobdachlosigkeit und Gewalt gegen Frauen zwingen, ist ihr wichtig. Ihr ungewöhnliches Fach nennt sie „eine interessante Nische. Und fade Sachen mag ich nicht spielen.“

Angebote abzulehnen fällt ihr aber nur dann leicht, wenn sie im Drehbuch den Respekt vor der Figur vermisst. Man kann fast alle spielen; die Elenden nur, wenn man ihnen die Würde lässt. Wer wüsste das besser als Margarethe Tiesel.

Zum Film

„Zum Goldenen Handschuh“ ist der Name eines Trinkerlokals in St. Pauli, in dem der Frauenmörder Fritz Honka seine Opfer kennenlernte. Fatih Akin („Gegen die Wand“, „Aus dem Nichts“) verfilmte Heinz Strunks Roman mit Jonas Dassler in der Hauptrolle. Die Musik stammt von FM Einheit. Der Film läuft im Hauptbewerb der Berlinale, Kinostart ist Ende Februar.
www.berlinale.de

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