"Neue Richtungen und Ästhetiken suchen, den üblichen Mainstream verlassen und mich noch einmal einem gewissen Risiko aussetzen": Mit diesem Vorsatz tritt Martin Kušej (58) als neuer Burgtheater-Direktor an. Dem Wiener Publikum versprach der Kärntner Slowene, der zuletzt das Münchner Residenztheater leitete, im Vorfeld ein "adäquates, zeitgemäßes Programm", das der Diversität der Stadt gerecht werde.

Das Burgtheater sieht Kušej dabei als "große ideelle Basis für die, die verändern wollen oder auch die, die Orientierung suchen." Wichtig sei ihm weg vom nationalen Gedanken, hin zu einem europäischen Theater, sagte er bei der Pressekonferenz. Außerdem finde er ein "großartiges und wirklich großes Ensemble" vor: "Dieses Ensemble ist vielleicht der wichtigste Grund für mich, hier arbeiten zu wollen", sagte Kušej, der rund 30 neue Ensemblemitglieder ans Haus bringt. Darunter finden sich heimische Stars wie Birgit Minichmayr, Tobias Moretti und Florian Teichtmeister, der das Theater in der Josefstadt somit verlassen wird, aber auch Reiner Galke vom Volkstheater. Aus dem Münchner Residenztheater bringt Kušej 14 Schauspieler mit, zudem finden sich einige Schauspieler aus Ländern wie Ungarn, Island, Israel oder Luxemburg im Ensemble - für den neuen Direktor "eine tolle Mischung": "Wir bringen andere Sprachen, andere Auffassungen und andere Kulturen hinein." 

Die Premieren der ersten Saison

In seiner ersten Saison hat Martin Kušej Regisseure aus 13 Ländern eingeladen, dabei werden viele auch ihr Debüt geben. Bereits am Burgtheater gearbeitet haben Simon Stone, Nikolaus Habjan und der Hausherr selbst.

Ulrich Rasche, jener Regisseur mit dem Kušej am 12. September seine Direktion eröffnet, ist mit seinem modernen, wuchtigen Maschinentheater einer der deutschen Regie-Shootings-Stars der vergangenen Jahre und hat sich im Vorjahr bei den Salzburger Festspielen erstmals in Österreich vorgestellt. Seine dortige "Perser"-Interpretation (eine Koproduktion mit Frankfurt) auf rotierenden Doppelscheiben wurde mit einem Nestroy-Preis als beste Aufführung im deutschsprachigen Raum ausgezeichnet, so wie im Jahr zuvor bereits seine Aufführung von Schillers "Die Räuber" am Residenztheater. Am Burgtheater inszeniert er zum Auftakt "Die Bakchen".

Prominenter Neuzugang

Auch die 1978 geborene deutsche Regisseurin Anne Lenk arbeitete bisher u.a. am Residenztheater. Prominentester Neuzugang aus der insgesamt achtköpfigen Regie-Mannschaft mit deutschem Pass (gemeinsam mit Gesine Danckwart inszeniert auch Burgschauspielerin Caroline Peters) ist Kay Voges. Der 47-jährige Dortmund-Intendant gilt als Innovator und Experimentator, der nach einer Neupositionierung des Theaters im digitalen Zeitalter strebt, soll derzeit auch in der Endauswahl für die künftige Volkstheater-Leitung sein. 2017 war er mit "Die Borderline Prozession - Ein Loop um das, was uns trennt" zum Berliner Theatertreffen eingeladen, 2018 realisierte er eine "Parallelwelt", eine mit Glasfaserkabel ermöglichte simultane Inszenierung am Schauspiel Dortmund und am Berliner Ensemble. Am Burgtheater soll er eine "Endzeit-Oper" unter dem Titel "Dies irae - Tag des Zorns" realisieren.

Kommentar zur Bestellung

Aufregende Neuzugänge kommen aus Nordeuropa: Der Isländer Thorleifur Örn Arnarsson hat mit Neuerzählungen der Heldensagen der "Edda" und von Ibsens "Peer Gynt" große Aufgaben zu bewältigen. Er wurde 1978 in Reykjavik geboren, studierte Schauspiel in Island und Regie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Seither arbeitete er an zahlreichen Theater- und Opernhäusern. "Peer Gynt" realisierte er etwa bereits in Luzern, auch die isländische Sagenwelt wie die "Edda" (in Hannover) war immer wieder Thema seiner Arbeiten. Ab 2019/20 ist er Schauspieldirektor an der Volksbühne Berlin und plant dort eine Neuerzählung von Homers "Odyssee" als Teil einer Antiken-Trilogie.

Internationale Aufmerksamkeit erregte auch das estnische Duo Ene-Liis Semper & Tiit Ojasoo: Die Künstlerin Ene-Liis Semper, geboren 1969, gründete 2004 mit dem Regisseur Tiit Ojasoo das Teater NO99 in Tallinn, das sie bis heute leiten. Ihre Produktionen "Heiße estnische Jungs" und "Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt" gastierten 2008 und 2010 bei den Wiener Festwochen, die 2015 auch ihre Handke-Inszenierung "Die Stunde da wir nichts voneinander wußten" zeigten. "Onkel Toms Hütte" war am Volkstheater zu sehen. 2017 erhielten sie den "Europe Prize Theatrical Realities" für kreative und innovative theatrale Unternehmungen. Am Akademietheater werden sie sich dem Bulgakow-Roman "Der Meister und Margarita" widmen.

Die Engländerin Katie Mitchell kennt man hierzulande - u.a. von ihren 2014 realisierten Inszenierungen "Wunschloses Unglück" im Kasino und "The Forbidden Zone" bei den Salzburger Festspielen. Ihr Landsmann Mervyn Millar ist ein international viel beschäftigter Puppendesigner und -regisseur, Kollege Ben Kidd (geboren 1980 in Leeds) gründete gemeinsam mit dem Iren Bush Moukarzel die Theatergruppe Dead Centre, die sich im Akademietheater mit Freuds "Traumdeutung" auseinandersetzen wird.

Aus Belgien kommen die Regisseurinnen und Schauspielerinnen Lies Pauwels (51) und Anne-Cecile Vandalem (40), die in Wien jeweils eigene Arbeiten realisieren werden. Der Franzose Nicolas Charaux gewann 2014 mit "Abschied", einem Theatertext Walter Kappachers über Georg Trakl, das letzte "Young Directors Project" der Salzburger Festspiele und inszenierte bereits unter Karin Bergmann am Burgtheater.

Der in der Schweiz geborene und in Australien aufgewachsene Regisseur Simon Stone, die Slowenin Mateja Koleznik, die zuletzt am Theater in der Josefstadt und am Stadttheater Klagenfurt arbeitete und kürzlich krankheitsbedingt eine Inszenierung bei den Salzburger Festspielen absagen musste, der Ungar Kornel Mundruczo (er inszeniert in Salzburg heuer "Liliom") sowie der Kroate Oliver Frljic (er arbeitete in Graz und gastierte bei den Wiener Festwochen) sind bekannte Größen in der Theaterlandschaft.

Martin Kušej in Zitaten

Der auch im Film erfolgreiche 39-jährige israelische Schauspieler und Regisseur Itay Tiran ist seit dieser Saison Ensemblemitglied am Schauspiel Stuttgart und bringt einen ungewöhnlichen Österreich-Bezug mit: 2003 inszenierte Paulus Manker am Cameri-Theater in Tel Aviv "iWitness", Joshua Sobols Drama um den Kriegsdienstverweigerer Franz Jägerstätter, mit Tiran in der Hauptrolle.

Aus Österreich kommt neben Direktor Martin Kušej, der neben seiner Neuinszenierung der "Herrmannschlacht" vier eigene Arbeiten aus München mitbringt, und Nikolaus Habjan, der zuletzt sowohl am Burgtheater als auch am Residenztheater arbeitete und in der kommenden Saison auch am Theater an der Wien viel beschäftigt sein wird, noch Mira Stadler. Die 1992 in Klagenfurt Geborene absolvierte ihr Regiestudium bei Anna Maria Krassnigg und Martin Kušej am Max Reinhardt-Seminar.