Der größte Bildschöpfer des zeitgenössischen Musiktheaters zeigt seine 2019 für Aix-en-Provence entstandene Requiem-Bebilderung nun als Vorbote der eigentlich im Mai startenden Festwochen: Romeo Castellucci lässt den Chor in folkloristischen Fantasiekostümen tanzen, es gibt Totenschädel, Blut, Erde, Bäume: kurz, einen großen Assoziationsbogen zum Tod. Regelrecht überdeutlich demonstriert der italienische Regisseur/Künstler, dass das Vergehen ein zentrales Element der Welt ist. Auf der Bühnenwand projiziert man die Namen ausgestorbener Tiere und Pflanzen, verschwundener Reiche, zerstörter Städte, toter Sprachen und untergegangener Völker. Chor und Solisten sowie Statisten sind die Gemeinschaft, deren rituelle Handlungen dieses stetige Sterben erträglich machen, ihm die Bedeutung eines ewigen Kreislaufs verleihen. Denn die religiöse und physikalische Wahrheit der Welt ist ja, dass nichts wirklich vergeht.

Ein Problem Castellucis ist, dass sich seine zum Teil genialen Bildfindungen nicht an der Musik reiben können, wenn es sich um geistliche Werke handelt: Das Pathos von Sakralmusik und das Pathos seiner Bilder potenzieren sich und bewegen sich gefährlich nahe am Kitsch. Das wurde schon bei einem der Meisterwerke Castelluccis, dem für Hamburg konzipierten Todesreigen zu Johann Sebastian Bachs „Matthäus-Passion“, bisweilenzum Problem. Diesmal ist es absolut unübersehbar, dass der Kreislauf in banal-plakativer Symbolik bemüht wird. Ein Kind, das einen Palmzweig hält, ein Kind, das einen Choral singt, usw.

Mozarts Musik ist über solcherlei Plattheiten erhaben, wobei spannenderweise einige kleinere Werke Mozarts in den Requiem-Ablauf eingefügt sind. Das Ensemble Pygmalion unter Dirigent Raphaël Pichon dosiert die Dramatik und setzt auf wunderbare Farben und Innerlichkeit, was das Bühnengeschehen kongenial ergänzt. Die Solisten sind ebenso ausgezeichnet wie der Chor, das musikalisch Außergewöhnliche ist aber nirgends merkbar. So bliebe der Eindruck des nicht erfüllten Ereignisses, wäre Castellucci nicht Castellucci und würde er bisweilen nicht Szenen höchster Eindringlichkeit kreieren. Etwa am Schluss, wenn der Bühnenboden kippt, und die vom Chor abgelegte Kleidung und die Erde langsam beginnen, abzurutschen. Viel simpler und einleuchtender kann man die Welt des Requiems nicht erhellen.