Theater mit Virtual-Reality-Brille"Krasnojarsk"-Premiere am Grazer Schauspielhaus: Eine Bühne für die Endzeit

Headset auf, Film ab: Mit dem Immersionsprojekt „Krasnojarsk“ stillt das Schauspielhaus den Hunger nach Drama - auf Knopfdruck. Und im 360-Grad-Radius.

×
Artikel gemerkt

Gemerkte Artikel können Sie jederzeit in Ihrer Leseliste abrufen. Zu Ihrer Leseliste gelangen Sie direkt über die Seiten-Navigation.

Zur Leseliste
Nico Link und Katrija Lehmann beim Dreh zu "Krasnojarsk" © SSH Graz/J. Lamprecht
 

Ist das jetzt noch Theater oder nicht? Dem andauernden Lockdown begegnet das Grazer Schauspielhaus ab sofort mit einer Serie virtueller Vorstellungen – via VR-Brille. Soll heißen, die österreichische Erstaufführung von Johan Harstads dystopischem Drama „Krasnojarsk: Eine Endzeitreise in 360°“ ist ein Film. Aber was für einer!

Per Fahrraddienst werden die VR-Abspielgeräte dem immersionsbereiten Publikum ins Haus zugestellt. Bedienungsanleitung durchgelesen, schon betritt man dann per Headset und Knopfdruck eine Welt nach dem Untergang: Der Planet ist aus dem Lot geraten, die Tektonik verrutscht. Der Schauplatz: Sibirien, gefilmt am Neusiedler See. Durch unbewohnbar gewordene Landstriche streift ein Anthropologe auf der Suche nach menschlichen Spuren – und trifft, als ihm in der Einsamkeit langsam Raum und Zeit zu entgleiten beginnen, auf eine Frau mit einem besonderen Schatz: "Lebensstatusberichte", private Aufzeichnungen verschwundener Menschen.

Anhand der Apokalypse untersucht der Norweger Harstad in „Krasnojarsk“, wie der Mensch sich aus Geschichten Welten baut und zerstört, und was von ihm bleibt, wenn ihm diese Geschichten – oder die Gelegenheiten, sie zu teilen – abhanden kommen.

Für solche existenziellen Fragen finden Regisseur Tom Feichtinger und Bildgestalter Markus Zizenbacher betörende Schwarzweißbilder, die das Dystopische der Erzählung unterstreichen: das Rundum-Video als dunkel lockende Welt. Und doch mag man nicht den Blick von den beiden Protagonisten wenden, von Nico Link und Katrija Lehmann, denen in dieser durchaus überwältigend bebilderten Geschichte von Sehnsucht, Nähe und Enttäuschung das aberwitzige Kunststück gelingt, ein 360-Grad-Erlebnis an die Wand zu spielen. Der unvermeidliche Wermutstropfen: Man bleibt in dieser virtuellen Welt allein mit dem Drama. VR-Vorstellungen im Schauspielhaus sind aber ab dem Frühjahr geplant, sobald der Lockdown beendet ist.

„Krasnojarsk“. Von Johan Harstad. Virtuelle Vorstellungen bis 12. März. Die Ausrüstung wird (nur in Graz!) per Fahrradboten zugestellt und abgeholt. Details und Ticketbuchung unter: schauspielhaus-graz.com

 

Zwischen 0 Uhr und 6 Uhr ist das Erstellen von Kommentaren nicht möglich.
Danke für Ihr Verständnis.