Bitte warten - Ihr Zugang wird eingerichtet.

Kritik"Fidelio": Graz hat wieder eine Oper

Mehr als fünf Monate nach dem Beginn des Lockdowns gibt es in Graz wieder eine Oper zu sehen. "Fidelio" vom Jahresregenten Ludwig van Beethoven lockt mit einer Starbesetzung auf den Schloßberg. Vor allem die Herren überzeugen an diesem Abend.

Sir Bryn Terfel sang erstmals den Pizarro © Photowerk
 

Das ehemalige Gefängnis hat als „Fidelio“-Schauplatz lange Tradition. 1997 war Beethovens Freiheitsoper letztmals in den Kasematten zu sehen, nun kehrte sie konzertant dorthin zurück. Starbesetzt, was natürlich eine Folge der derzeitigen Absagenflut ist. So stranden auch Stars, die sonst zwischen Met, Pariser Oper, Covent Garden und Scala unterwegs sind, auf dem Grazer Schloßberg, namentlich Sir Bryn Terfel und Roberto Saccà. Ersterer ein weltweit gefeierter Wotan, Holländer, Scarpia und Falstaff, Letzterer ein Charaktertenor von solch robuster und schöner Stimme, dass er auch als Otello und Bacchus reüssiert – oder eben als Florestan.

Die Kasematten bieten trotz Abstandsregeln (650 Besucher sind erlaubt) und Maskenpflicht eine würdige Atmosphäre, die beinahe an Vor-Corona-Zeiten erinnert.

Vom erwähnten „Stranden“ kann übrigens nicht die Rede sein, war es doch eine vom Verein „Junge Konzerte Graz“ und den Spielstätten hochqualitativ angelegte Sache, der die beiden Stars die Krone aufsetzten. Der für Peter Seiffert eingesprungene Saccà zeigte Metall und Höhe einer gepanzert scheinenden Stimme, die er in den Dienst eines beeindruckenden vokalen Porträts stellt. Der andere Star des Abends, Sir Bryn Terfel, demonstrierte bei seinem ersten Don Pizarro, dass sein Bassbariton noch immer schön und füllig klingt und bei aller Wucht nicht grob oder gar brutal. Ein zweiter starker Bass stand Terfels dämonischem Bösewicht an der Seite: Peter Kellner, ehemaliges Ensemblemitglied der Grazer Oper und aktuell in der Wiener Staatsoper engagiert, hat die Anlagen für eine große Karriere. Sein Rocco ist frisch und verfügt schon über Persönlichkeit.

Neven Crnic ließ bei seinem kultivierten, resonanten Kurzauftritt als Fernando aufhorchen, während Mario Lerchenberger einen tadellosen Jacquino gab. Der ehemalige Welttenor Reiner Goldberg, Wagnerheld zwischen Bayreuth und New York, zeigt mit seinen 80 Jahren, dass er immer noch einen berührenden ersten Gefangenen draufhat. Schwächer ausgerechnet die Titelpartie. Barbara Krieger verlieh dem Fidelio eine interessante Farbe und manch beeindruckenden dramatischen Ausbruch, aber unsteten Klang und eine recht schwammige Diktion. Narine Yeghiyans Marzelline war dagegen tugendhaft und solide.
Die Akustik der Kasematten kann nicht mit der eines Opernhauses konkurrieren. Die elektronische Stütze ist gut eingearbeitet und der Klang der Mitglieder der Grazer Philharmoniker ist schön, aber in Sachen Präsenz und Knackigkeit muss man immer Abstriche machen. Dirigent Marcus Merkel steigert die Spannung im Fortlauf und erzielt spätestens ab der Kerkerszene packende Wirkungen. Fabelhaft agieren die Mitglieder des Grazer Opernchors, die einmal mit, einmal ohne Maske singen. Normal ist das alles noch lange nicht.

Diskutieren Sie mit - posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung! Kommentieren