KritikMusikalische Nachtschattengewächse bei der styriarte

Von der Melancholie bis zu den Abgründen: die styriarte ließ die Schatten der Nacht Klang werden.

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Agnes Palmisano bei der styriarte (Schlossbergbühne) © Nikola Milatovic/styriarte
 

Dass ihr „diese Musik aus der Seele spricht“, spürt man bei jeder Strophe der famosen Sängerin, die selbst tiefster Verzweiflung brillante Größe verleiht. Da Agnes Palmisanos Seele aber nicht Shakespeares Englisch spricht, hat sie John Dowlands (1563–1626) elisabethanischen Melancholie-Schatz ins Wienerische übertragen. Die mit Schrammen, Schmerzen, Sehnsucht und Liebe übersäten Lieder des von der Königin einst verschmähten Lautenisten treffen bei Gamben, Gitarre und genialem Schrammel-Ausflug gut 400 Jahre später auf die Wiener Schwester im Gemüt.

Mit dem Armonico Tributo Consort unter Lorenz Duftschmid und dem Palmisano Quartett mit „Teufelsgeiger“ Aliosha Biz schraubte sich die Premiere von „In Finstan möcht’ i sein“ bei der styriarte auf der Grazer Schloßbergbühne vom emotional-musikalischen Kellertief zum Hochtraurigen, das in schillerndem Klang „glücklich macht“. Dass sich Vermissen und Alleinsein von damals mit dem Zustand heute so bewegend verschränken, brachte sogar die Turmglocke beim begeisterten Schlussapplaus zum Schlagen.

Einen Schritt weiter als Dowland ging Franz Schubert 200 Jahre später: Sein Klaviertrio in Es-Dur ist ein anrührend schön formulierter Schmerzensschrei, eine nachtschwarze Erkundungsfahrt mitten hinein in seelische Abgründe. Markus Schirmer (Klavier), Esther Hoppe (Geige) und Christian Poltéra (Cello) wurden in der List-Halle dem romantischen Ungetüm unter anderem mit expressiven Gebärden gerecht: Immer wieder mutierten elegant perlende Läufe zu romantischen Ausdrucksgesten. Gleichzeitig mieden die drei Musiker allzu Wienerisch-Sentimentales. Der oberflächliche Humor des Scherzos, der Geisterreigen des Finales und schon die unfassbare Traurigkeit des Kopfsatzes kamen kraftvoll zur Geltung, aber nicht zum Strahlen und Irrlichtern, dafür war der Gesamtklang doch zu wenig ausbalanciert.

Dass Romantik und Sentimentalität völlig verschiedene Dinge sind, zeigte Markus Schirmer schon beim Vorspiel zum Trio, bei zwei „Kinderszenen“ Schumanns und Schuberts Ungarischer Melodie in h-Moll. Voller Ernst, ohne Parfüm.

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