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Premierenkritik/styriarteDie Götter müssen verrückt sein

Ein großartiges Sängerensemble. Viel Kreativität bei Regie, Bühne, Ausstattung. Und ein hoch kompetenter Originalklang: "Dafne in Lauro", die zweite von sechs anberaumten Fux-Bühnenproduktionen bei der styriarte, darf sich zu Recht "Opernfest" nennen.

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Mythologischer Liebesk(r)ampf: Arianna Vendittelli (Sopran) als Dafne und Raffaele Pe (Altus) als Apollo © styriarte/Nikola Milatovic
 

"Auch so liebt sie den Gott, und seine rechte Hand, die er an den Stamm gelegt hat, spürt noch immer das Herz unter der frischen Rinde beben. Nachdem er die Zweige wie Glieder mit seinen Armen umfangen hat, gibt er dem Holz Küsse; das Holz freilich weicht den Küssen aus..."

So erzählt Ovid in den "Metamorphosen" um 8. nach Christus von Daphne, die sich letztendlich in einen Lorbeerbaum verwandeln muss, um sich und ihre Unschuld vor dem liebestollen, sie bedrängenden Apoll zu retten. Die #MeToo-Episode aus der Mythologie, in der die jagende Bergnymphe mit dem Gott des Lichts in einen Liebesk(r)ampf gerät, hatte den steirischen Barockmeister Johann Joseph Fux zur italienischen Oper "Dafne in Lauro" inspiriert, die er seinem Kaiser Karl VI. anno 1714 in Wien zu dessen 29. Geburtstag schenkte.

Die Götter müssen verrückt sein! Zumindest in der Lesart von Wolfgang Atzenhofer. Denn der steirische Regisseur und sein Team zeigen den Himmel als Chaosort, in Endzeitstimmung, als ob jeden Moment Action-Gott Mel Gibson als "Mad Max" um die Ecke biegen würde oder sich ein Blick auf das skelettierte Aleppo auftut. Auch das Reich der Nymphen ist kein Paradies, sondern ein Kahlschlagwald. Selbst Zeus torkelt ziellos umher wie eine Rauschkugel. Und am Ende wird nicht nur Dafne zu Holz, sondern auch alle anderen Götter zu Stein.

Das alles wird in der Grazer List-Halle auf einer Bühne mit schlichter Ausstattung gezeigt, vor allem aber mit spannenden digitalen Kulissen: Ein Quintett um den gebürtigen Leobener Max Kaufmann, der eng mit dem Odeon-Theater in Wien verknüpft ist, schafft mit Videobildern und tanzenden Animationen keine simple Bebilderung der Geschichte, sondern in seiner Schlichtheit einen beeindruckenden archaischen Assoziationsraum, in dem sich später auch Putti, Jäger, Schafe, Wale und Möwen tummeln werden oder die Wellen schlagen.

Da gibt es also diesen gefährlichen Wettstreit, wer denn der bessere Schütze sei: Amor oder Apollo? Der Liebesgott schießt seinen heißesten Pfeil auf Apollo und seinen kältesten auf Dafne. Kann nicht gut gehen. Das weiß man spätestens nach der ersten schmachtenden, ins Moll rutschenden Arie des Apoll, dem Raffaele Pe mit herrlich biegsamem Altus feine Kontur verleiht. "Großartige Sänger" hatte Dirigent Alfredo Bernardini schon im Vorfeld versprochen. Versprochen, gehalten. Monica Piccinini als (warum auch immer schwarze?) Diana singt mit wunderbar weichem Sopran, Valerio Contaldo den kommentierenden Mercurio mit schön sitzendem leichten Tenor. Sonia Tedla sorgt als Amor mit knabenhafter Stimme und einer Haartolle à la Leningrad Cowboys neckisch für das Tohu und Wabohu. Und Arianna Vendittelli gibt die Dafne mit ihrem reifen, energischen Sopran nicht nur als Opfer, sondern als selbstbestimmte Frau, die schließlich in der zum Weinen schönen Verwandlungsarie (begleitet zusätzlich vom Gambisten Lorenz Duftschmid im Continuo) ihren Lorbeer in einer anderen Welt sucht.

Bernardini am Pult seines beherzten Originalklangensembles Zefiro bringt die breite Fux'sche Klangpalette zum Leuchten: Eingängige Melodien, überraschende Wendungen, spritzige Jagdmotive, Tarantella-artige Tänze, das tiefgängige Lamento der Dafne – seine Musiker kennen alle Farben. Hatten er und sein Barockorchester schon im Vorjahr zum Auftakt der sechs geplanten Fux-Opernfeste bei der styriarte mit "Julo Ascanio" überzeugt, so gehen die Italiener mit der weit schöneren und herausfordernderen "Dafne in Lauro" noch einen Schritt weiter.

Von Lilli Hartmann mit sehr phantasievollen Kostümen ausgestattet und von einem Frauenquartett in einer Choreographie von Jörg Weinöhl mit galanten Tänzen bereichert, ist diese Fux-Oper lustig und lustvoll, auch wenn sie am Ende in die Tragödie kippt. Und erotisch auch, trotz Nichterfüllung der Begierden, wenn es heißt, dass "die rote Rose deshalb so wohlgefällt, weil sie in der schattigen Hecke bescheiden ruht, und sie ist umso begehrter, je verborgener sie ist." Das hätte man nicht mit ein paar billigen Gags unterstreichen müssen, und vor allem war auch die kleinartige Idee verzichtbar, als Prolog Johann Joseph Fux selbst (Christoph Steiner) auftreten zu lassen, um nicht nur ein bisschen über die Entstehungsgeschichte der Oper zu erzählen und dabei peinlicherweise Sexismus unterzustreuen, sondern gleich auch noch Sponsoren der styriarte einzubauen.

Kommentare (2)

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Ina2019
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Substanzlosigkeit ist deine Hülle

Mein erster Besuch bei der stryriarte. Die Erwartung war groß, die Enttäuschung ebenso. Aufgrund der für eine antiquierte Inszenierung eines Opernwerks äußerst ungeeigneten Location (Helmut List Halle) kam während der gesamten Darbietung keinerlei "Spannung" auf. Schon beim Betreten der Szenerie irritierte das geschmacklose Bühnenbild, das von der Geistlosgkeit der einführenden Worten eines Johann Joseph Fux (wie im Beitrag von Herrn Tschida bereits erwähnt) noch übertroffen wurde. Der blasse mythologische Stoff wurde üppig bemalten Darsteller*innen anvertraut, deren Können sich innerhalb dieser unschönen Kulisse und aufgrund der schlechten Akustik bedauerlicherweise nicht im Raum ausbreitete. Ebenso die Fertigkeiten der Musiker*innen des Barockorchesters Zefiro konnten sich wenig und auch nur sehr leise entfalten. Vielmehr ernüchtert als verwandelt entließ mich die "Oper" nach knapp 90 Minuten wieder in die "Realität", zuversichtlich, dass das übrige Programm der diesjährigen styriarte doch den ein oder anderen authentischen Moment bereithält und mich für die "Klassik" begeistert.

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Sege
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Toll!

In Diese Dafne muss man sich verlieben!!

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