Am Anfang feiert Arthur 8. Geburtstag. Ohne Vater, denn der starb als Pilot im Zweiten Weltkrieg, wie eine abgestürzte Spitfire im Hintergrund verdeutlicht. Am Ende wird Arthur vom Geist seines Vaters beschworen, der Nation ebenso treu zu dienen wie er, also besteigt der Bub den Bomber, um unter Union-Jack-Wimpelgrüßen seiner jubelnden Landsleute abzuheben.

Krieg ist überall. Ist immer. Ob im 5., 20., 21. Jahrhundert.

Die Schilderungen der jüngeren Vergangenheit geben der Handlung von Henry Purcells „King Arthur“ einen Rahmen: Ähnlich wie in Mozarts „Zauberflöte“ zuletzt in Salzburg liest ein Großvater (Jörg Gudzuhn) seinem Enkel (beeindruckend in der stummen Rolle der erst achtjährige Samuel Wegleitner) die Geschichte der Oper vor. Nämlich über den sagenhaften Artus, der bei Purcell ohne Excalibur-Schwert und Tafelrunde seine Abenteuer bestehen muss. Und der britische König kämpft hier nicht nur gegen die rebellischen Angelsachsen, sondern auch um die vorerst blinde Prinzessin Emmeline, die der feindliche König Oswald entführen lässt. Aber letztlich siegt natürlich Artus, siegt die wahre Liebe.

So bunt und turbulent geht es in der Inszenierung von Bechtolf/Crouch zu
© TADW/Herwig PRAMMER

Als „Orpheus Britannicus“ schuf Purcell 1691 mit seiner damals typischen Semi-Opera eine ideenreiche Revue aus Schauspiel, Gesang, Tanz, Maskerade, Pantomime et cetera, was eine stringente Inszenierung nicht gerade erleichtert. Sven-Eric Bechtolf und Julian Crouch aber machen sich wie schon vor exakt zwei Jahren an der Berliner Staatsoper nun auch im Theater an der Wien gerade diesen puzzleartigen Charakter des Werks zunutze.

Wie sie dafür die barocke Theatermaschine mit Greifarmen fast ins Heute anwerfen, macht ihnen so schnell keiner nach: Projektionen und Videos, Riesen- und Minipuppen, Ritterrüstung und Röhrenradio, tanzende Sessel und Rollstuhlballette, Silly Walks und Tapetenmuster im LSD-Rausch, ein Luftgeist als Fallschirmspringer und ein Erdgeist wie aus einer Barocky Horror Picture Show ... samt zugefügten frechen Dialogen, den fantastischen Bühnenbildern des einstigen „Jedermann“-Regisseurs Crouch und den prächtigen Kostümen von Kevin Pollard ergibt das ein spektakuläres Fest für die Augen.

König Arthur (Michael Rotschopf) kämpft um Liebe der blinden Emmeline (Meike Droste)
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Eines für die Ohren musste es bei der bejubelten Premiere erst werden. Denn der von Nikolaus Harnoncourt gegründete Concentus Musicus brauchte merkwürdigerweise fast bis zur Pause, um in seinem Element zu sein, und Stefan Gottfried am Pult hätte René Jacobs’ Neufassung für Berlin ruhig prickelnder gestalten können. Im guten Gesangsensemble stachen Robin Johannsen und Martina Janková hervor, während Jonathan Lemalu im legendären „Cold Song“ eher kaltließ. Wie immer (auch darstellerisch) stark der Arnold Schoenberg Chor.

Die hervorragende Schauspielriege führten Michael Rotschopf als nachdenklicher Arthur und Oliver Stokowski als gaudewipfelnder Zauberer Osmond an, auch Max Urlacher als linkischer Sachsenkönig Oswald und Meike Droste als naiv-zarte Emmeline überzeugten in der Produktion, von der übrigens sogar noch die Brexiteers was lernen könnten, wenn der Großvater vor seinem Enkel bedauert: „Was eben noch uns ewig heilig schien, ist morgen schon vergessen ...“

König Arthur mit Oswald (Max Urlacher), dem Anführer der widerständischen Sachsen
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