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Schwab-Premiere Die groteske Gruselgruft im Puppenheim

Eigentlich fast eine Uraufführung: Werner Schwabs „Volksvernichtung“ wurde im Wiener Akademietheater von Nikolaus Habjan grandios als Puppentheater in Szene gesetzt.

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Dämonischer Pupptentanz: Szene aus dem Schwab-Stück © APA
 

Eigentlich sind es ja schon liebe alte Bekannte, die sich da im Wiener Akademietheater ein Stelldichein geben. Allen voran der klumpfüßige Maler Herrmann Wurm, dem Werner Schwab ein reichlich autobiografisches Korsett verpasste. Natürlich auch seine grenzenlos verbitterte Mutter und die restlichen Bewohner des desolaten Gemeindebaues, deren Leben sich primär auf den Austausch von Gemeinheiten, Beschimpfungen und deftigen Obszönitäten beschränkt.
Aber immerhin haben all die Geschöpfe, die Werner Schwab mit seiner „Volksvernichtungen“ in die Bühnenwelt entließ, auch schon runde 27 Jahre und etliche höchst konträre Inszenierungen auf dem Buckel. Ehe nun der geniale Großmeister des Puppenspiels, Nikolaus Habjan, in seiner Deutung des düster-grotesken Sittenbildes, das ohnehin aus jedem Rahmen fällt, einen ebenso faszinierenden wie naheliegenden Neuzugang wählt.

Denn längst schon hat es sich herumgesprochen, dass die Figuren von Werner Schwab – diesem Bühnenkometen, zum raschen Verglühen bestimmt – lediglich Sprechkörper sind. „Die Sprache zerrt die Personen hinter sich her: wie Blechbüchsen, die man bei einem Hundeschwanz angebunden hat“, so lautete der Leitsatz des Sprachberserkers, der sich durch alle seine Stücke zieht.

Logische Konsequenz: Nikolaus Habjan, der auch Regie führt und selbst mit großartiger sprachlicher Intensität den Part von Herrmann Wurm übernimmt, verschanzt die Menschen hinter dämonischen Puppen und Plappermäulern. Eine Gruselgruft im Puppenheim. Die Sprache, für Schwab ohnehin auch nur ein gesprochener Spuk, wird endgültig zur Kunstkopfgeburt.

Befreit vom Puppenkostüm bleibt bloß die über all den von ihr zum völkischen Ausrotten bestimmten Untermenschen sitzende Frau Grollfeuer. Hexenhaft thront die arische Frauenreiterin über dem Geschehen, und da das Leben nicht und nicht in eine Ordentlichkeit heimkehren will, befördert sie alle Hausbewohner bei einer vermeintlichen Geburtsfeier ins Jenseits – ehe doch ein höhnisches Happy End folgt.

Aus all dem muffigen Humus von Verachtung, Rest-Faschismus und Vulgarität, von Schwab mit unverwechselbaren sprachlichen Neukreationen versehen, treibt giftiges Zeug. Das ist der Sinn dieses realen Albtraums, das ist Schwabs Vermächtnis. Es hat kein Ablaufdatum; es konfrontiert mit seelenlosen Menschenpuppen. Selten zuvor kam dies so klar zum Ausdruck. Zu verdanken ist dies, neben Nikolaus Habjan, einem grandiosen Quartett aus der obersten Liga des Burgtheater-Ensembles. Dorothee Hartinger (Frau Wurm) Sarah Viktoria Frick (Herr Kovacic), Alexandra Henkel (Frau Kovacic) und vor allem Barbara Petritsch (Frau Grollfeuer) sind exzellente Schwab-Interpretinnen in einem für all das Abgründige idealen Bühnenbild (Jakob Brossmann), dominiert von einer riesigen Plastikfolie, die all das Geschehen umhüllt.
Das Schwab’sche Umkehrprinzip zeitigt Wirkung. Mitunter könnte man glatt meinen, im Saal sei eine Welt der Masken und oben auf der Bühne die unverlarvte, wahrhaftige Welt, deren Menschen nur spielen, was sie sind. Plappernde, wortverdrehende Spielfiguren und Fratzen. Sie wissen’s nicht, sie ahnen’s kaum. Ein Prunkstück, eine große Schwab-Huldigung.

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