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LeitartikelDer Stockholmer Triumph wurde für Peter Handke leider zum Pyrrhussieg

Die Stunde seines größten Triumphs geriet in Stockholm zu einem PR-Desaster. Peter Handke kehrt literarisch gekrönt, aber moralisch beschädigt vom Nobelpreis zurück.

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Die Zeichen stehen immer noch auf Sturm. Es geht weniger um die Proteste bosnischer Verbände, die die gestrige Verleihung begleiteten, sondern vor allem um die Resonanz, die die Nobelpreisverleihung an Peter Handke in den Medien hinterlassen hat: Die Stimmung ist mehr denn je gegen ihn. Sein grantiges, fast schon flegelhaftes Auftreten vor der Presse in Stockholm konnte er durch die feinfühlige, berührende Lesung am darauffolgenden Tag nicht mehr ausgleichen. Realitätsverweigerung, Feigheit, Anbiederung, Hochmut – die Liste der Anwürfe wurde von Tag zu Tag länger. Ein serbischer Intellektueller ließ gar verlautbaren, Handke sei „eine moralische Null“.

Die Kritik war teilweise bizarr überzogen – meist dort, wo der Umweg übers Politische genommen wurde, um auch seine Texte kleinzureden, die zu einem beträchtlichen Teil Weltliteratur sind. Man kann und muss diese Dinge schon auseinanderhalten, auch wenn die Figur Handke dies einem schwermacht. Selbst Anhänger und treue Leser („seine Leser“, wie er sie gern nennt) verdrehten die Augen, wenn der leicht aufbrausende, starrsinnige Autor zu neuen Tiraden ansetzte und seine Sicht der Dinge darlegte. Dass Literatur ein Korrektiv zu der allgemein herrschenden Weltwahrnehmung sein muss, ist klar, wenn sie aber beginnt, nach alternativen Fakten zu klingen, ist Vorsicht geboten.

Dass dieser große Künstler das Dialogische, das auch immer tief als Sinn und Zweck in die Kunst eingepflanzt ist, genau dort außer Kraft setzt, wo es für ihn unangenehm oder lästig wird, ist traurig, aber hinnehmbar. Nun wird auch noch behauptet, dass die Verleihung an Handke Gräben auf dem Balkan wieder aufreißt. Etwas, das schlecht zur Friedensmission Nobels passt.

Im schwedischen Fernsehen sprach er, der sich weigert, bezüglich der Massaker von Srebrenica das Wort „Genozid“ zu gebrauchen, von „Brudermord“. Er sagte zugleich, dass die Bezeichnung „Genozid“ legitim sei, er aber eben „Brudermord“ sage: „But I don’t want to get lost in this. – Ich will mich darin nicht verlieren.“ Zu spät, um noch aus der selbst gestellten Falle herauszukommen.

Dieser Schatten liegt nun auf dem, was eigentlich den – zehnfach verdienten (wie Elfriede Jelinek anmerkte) – Gipfel der Anerkennung für den Autor Handke hätte darstellen sollen.

Noch problematischer als das Verhalten eines einzelnen Menschen war das Verhalten einer Institution wie der Schwedischen Akademie, die sich in nobles Schweigen hüllte und höchstens stereotyp darauf verwies, dass man einen Literaturpreis vergebe. Wiederholte Interviewanfragen auch von unserer Seite wurden ignoriert, ein Schweigen, durch welches man letztlich auch Peter Handke im Regen stehen gelassen hat.

Die Akademie hat aus ihren Krisen der jüngsten Vergangenheit offenbar nicht gelernt, wie man Kritik moderiert, wie man darauf eingeht. Genau das wäre sie der Öffentlichkeit, aber auch ihren Preisträgern schuldig.

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