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NeuerscheinungMargaret Atwoods "Die Zeuginnen": Ein Krimi, reich an Spannung

Margaret Atwoods "Die Zeuginnen" ist die langerwartete Fortsetzung ihres Best- und Longsellers "Report der Magd". Die kanadische Autorin hat die Geschichte auf drei verschiedene "Zeuginnen" aufgeteilt.

Margaret Atwood
Margaret Atwood (79) © AP
 

Zu behaupten, dass "Die Zeuginnen", Margaret Atwoods literarische Fortsetzung ihres dystopischen Romans "Der Report der Magd", mit Spannung erwartet wurde, wäre eine glatte Untertreibung. Das Buch erschien am Dienstag mit Trompeten und Posaunen in zahlreichen Ländern gleichzeitig und man kann getrost sagen, es wird dem Tamtam gerecht - wenn auch ganz anders als erwartet.

Die Geheimnistuerei um den neuen Roman von Margaret Atwood sorgte bereits im Vorfeld für Furore, weil Amazon vorbestellte Exemplare vorzeitig ausgeliefert hatte. Im August erhielten gesegnete Rezensenten Vorschauexemplare mit falschem Titel und falschem Autor, damit die Enthüllungen des Buches nicht präventiv in die falschen Hände geraten. Es war eines der am besten gehüteten Geheimnisse in der Verlagsgeschichte.

Dann in der Nacht von Montag auf Dienstag las die 79-jährige kanadische Schriftstellerin in einer Londoner Buchhandlung aus ihrem neuen Roman vor. Das letzte Mal, dass nachts in Buchläden so viel los war, sei zu Zeiten von "Harry Potter" gewesen, schrieb der britische Guardian. Am 10. September wurde Atwoods ausverkaufter Auftritt im Royal National Theatre an der Themse dann weltweit in 1.300 Kinos live übertragen.

In "The Testaments", so der englische Originaltitel, kehrt Atwood an den dystopischen Ort zurück, den sie sich vor 34 Jahren in "The Handmaid's Tale" ausgedacht hat. In Gilead, einem fundamentalistisch-christlichen Gottesstaat, der in den USA nach einer Fruchtbarkeitskrise entstanden ist, werden die noch verbliebenen fruchtbaren Frauen gezwungen, als "Mägde" zu leben und ritualisierte Vergewaltigung zu erdulden, um Kinder für eine Elite zu zeugen. Das religiöse Dogma besagt, dass moderne Frauen mit ihrem freien Willen und mit ihren Anti-Babypillen und Abtreibungen für die Krise mitverantwortlich sind.

Atwood hat oft gesagt, dass es in dem Buch nichts gibt, was in der Welt bis 1985 noch nicht geschehen war, aber eine Reihe von Faktoren haben in letzter Zeit dazu beigetragen, dass ihrem feministischen Klassiker wieder zusätzliche Brisanz verliehen wurde. Wenn wir beobachten möchten, wie die Menschenrechte von Frauen in weite Ferne rücken, können wir derzeit in den USA von Hulu auf CNN umschalten, und sehen wie US-Bundesstaaten Gesetze verabschieden, die es den meisten Frauen extrem schwer, wenn nicht unmöglich machen, eine legale Abtreibung zu erhalten. Die preisgekrönte TV-Adaption mit Elisabeth Moss als Desfred machte die blutrote Uniform der Mägde schnell zum Symbol für den Widerstand gegen die Frauenfeindlichkeit der Trump-Regierung.

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Margaret Atwood: Die Zeuginnen. Berlin-Verlag. 576 Seiten, 25.70 Euro © KK

"Der Report der Magd" endete damit, dass die Erzählerin Desfred in einem Kleintransporter abgeschleppt wurde. "In die Dunkelheit hinein oder das Licht", schrieb Atwood. Sie ließ die Frage offen, ob ihre Protagonistin gerettet oder verhaftet wird. Im Epilog des Buches, der in der Zukunft hunderte von Jahren später spielt, erfährt der Leser, dass die totalitäre Regierung irgendwann fällt, aber es wurde nicht gesagt wie und wann und was das für die Romanfiguren bedeutete. In "Die Zeuginnen" wird diese Frage zum Teil beantwortet.

Während die TV-Serie den Weg des Widerstandes ging und aus Desfred inzwischen in Staffel 3 eine Kriegerheldin wurde, hat Atwood gestanden, dass die Herausforderung, Desfreds Stimme neu zu erschaffen, ein kreativer Stolperstein für sie war. Sie hat dieses Problem elegant - und zur Überraschung vieler Fans - gelöst, indem sie die Geschichte von "Die Zeuginnen", die ungefähr 16 Jahre nach dem Ende von "Der Report der Magd" stattfindet, auf drei verschiedene Figuren aufteilt: Agnes, die in Gilead als Tochter eines wichtigen Kommandanten aufwächst; Daisy, eine junge Anti-Gilead-Aktivistin, die in Kanada lebt, und Tante Lydia, von der wir erfahren, wie sie von einer Richterin zu einer Art KZ-Aufseherin geworden ist.

Desfred kommt fast gar nicht vor. Es ist ein kluger Schachzug, der es Atwood ermöglicht, aus neuen Perspektiven und mit ihrem ungewöhnlichen Geschick für Sprache, zu Themen wie Manipulation, Sexualpolitik und Komplizenschaft zurückzukehren, ohne von ihrer anfänglichen Heldin eingekesselt zu werden. In einer Schule lesen wir zum Beispiel, wie Mädchen in Gilead einer Gehirnwäsche unterzogen werden. Atwood interessiert sich nicht dafür, wie Menschen zu Objekten degradiert, sondern wie sie moralisch kompromittiert und zu Komplizen gemacht werden.

Während "Der Report der Magd" ein brillantes Produkt des bedrückenden, inneren Monologs einer versklavten Frau war, entfaltet sich "Die Zeuginnen" wie ein Krimi von Komplizinnen, reich an Spannung und dunkler Menschlichkeit.

Das Aufzeichnen der eigenen Erfahrungen ist ein "Akt der Hoffnung", hat Atwood gesagt. Wie Botschaften in Flaschen, die ins Meer geworfen werden, hoffen Zeugenaussagen darauf, dass irgendjemand ihre Worte liest. An einer Stelle im Roman spricht uns Tante Lydia an: "Wenn du dies gerade liest, wird zumindest dieses Manuskript überlebt haben. Aber vielleicht fantasiere ich nur. Vielleicht werde ich nie einen Leser haben." Es werden sogar Millionen sein.

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