PreisverleihungBachmann-Preis für Favoritin Helga Schubert

Der Bachmannpreis geht heuer an die älteste Teilnehmerin im Feld: Helga Schubert begeisterte mit ihrem Text „Vom Aufstehen“ die sieben Juroren. Sie saß selber von 1987 bis 1990 in der Jury in Klagenfurt.

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44. Tage der deutschsprachigen Literatur
Die 80-jährige deutsche Autorin Helga Schubert bekam den Bachmann-Preis 2020 verliehen © ORF
 

Der mit 25.000 Euro dotierte Bachmannpreis geht heuer an Helga Schubert. Die 80-Jährige erlas sich ihre Favoritenrolle am Freitagvormittag. "Vom Aufstehen" heißt der sich mit der Mutter der Erzählerin auseinandersetzende Text, der auf helle Begeisterung stieß (nachlesen kann man ihn hier): "Ich liebe Sie", sprach Tingler die Autorin direkt an. Kastberger fand den Text zwar "manchmal klischeehaft", zeigte sich aber "insgesamt sehr beeindruckt". Michael Wiederstein und Nora Gomringer formulierten manche Einwände, während Brigitte Schwens-Harrant und Einladerin Insa Wilke viele lobende Worte fanden. Die Jurydiskussion kann man hier nachlesen.

Helga Schubert wurde 1940 in Berlin-Kreuzberg geboren und lebt in Neu Meteln. Eingeladen von Insa Wilke. Es ist für sie der zweite Anlauf zum Bewerb: 1980 scheiterte die Ausreise aus der DDR. 1987-1990 saß sie in der Jury der Tage der deutschsprachigen Literatur. Der Vater starb schon 1941 als Soldat. Schubert wuchs bei der Mutter auf, wurde wegen der Bombenangriffe nach Hinterpommern evakuiert, dann nach Greifswald und ist von dort nach Berlin zu den Großeltern in Ostberlin geflohen. Aufgewachsen ist sie in der sowjetisch besetzten Zone und dann in der DDR. 1958-63 studierte sie klinische Psychologie an der Humboldt-Uni Berlin. 1963 bis 1987 arbeitete sie in der Erwachsenen-Psychotherapie im Stadtbezirk Berlin-Mitte, u.a. in der Universitäts-Nervenklinik der Charité. Seit dem 20. Lebensjahr hat sie immer geschrieben. Aufnahme in den Schriftstellerverband 1975.

Deutschlandfunk-Preis

44. Tage der deutschsprachigen Literatur
Lisa Krusche Foto © (c) ORF

Der Deutschlandfunk-Preis (12.500 Euro) geht an Lisa Krusche (geb. 1990 in Hildesheim, lebt in Braunschweig). "Für bestimmte Welten kämpfen und gegen andere" hieß ihr Text (hier zum Nachlesen), in dem eine junge Frau in einer offenbar nahen, dystopischen Zukunft zeigt. Wilke zeigte sich "beeindruckt vom Mut zum Politischen, vom Mut zum Gefühl", den Krusche in aller Komplexität und Widersprüchlichkeit in eine Science-Fiction-Welt eingebaut habe. Winkels entdeckte zahlreiche Bezüge zur griechischen Mythologie, Wiederstein sah das reale Computerspiel "The Last of Us" als Vorbild. Ganz und gar nicht angesprochen fühlte sich Tingler, der "scheinbar intensive, doch oberflächliche Bilder" ortete.

Kelag-Preis

44. Tage der deutschsprachigen Literatur
Egon Christian Leitner Foto © ORF

Der Kelag-Preis (10.000 Euro) geht an "Immer im Krieg" (nachzulesen hier) des Grazers Egon Christian Leitner, der zu einer intensiven Jurydebatte führte. Wilke ortete "einen Eulenspiegelton" in den Geschichten, die Leitner mosaikartig und komplex zusammenfasse. "Ambivalent und komplex ist dieser Text überhaupt nicht, er ist total hermetisch", antwortete Tingler, der darin "ein Weltbild mit kategorischen Positionen von Gut und Böse" fand. Wiederstein nannte den Text gelungen, eben weil der Autor eine Haltung habe und sich in den Text integriere. Einen "radikalen Text", der sich mit der sozialen Wirklichkeit beschäftige, fand Kastberger, der Leitner eingeladen hatte. Ein "großer Wurf" war der Text auch für Gomringer.

Egon Christian Leitner ist Philosoph, Autor, Experte für Pierre Bourdieu, Alten- und Krankenpfleger und Flüchtlingshelfer. „Sozialstaatsroman“ heißt sein im Jahr 2012 im Wieser-Verlag erschienenes 1200 Seiten-Werk. „Genutzt wurde der Sozialstaatsroman freilich nicht, wie ich es mir wünschte“, sagt der gebürtige Grazer, Jahrgang 1961. Er hätte sich gewünscht, dass jeder, der den Roman liest, auch seine Geschichte dazu erzählt. Leitners Schaffen versteht sich auch als Intervention – er sieht daher die Teilnahme am Bachmannpreis als Möglichkeit, seine Lebensthemen einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Die Misere im Pflegebereich ist eines dieser vielen Themen: Man habe die Wichtigkeit zwar in der Corona-Krise gesehen, aber noch immer nicht ausreichend erkannt.

3sat-Preis

44. Tage der deutschsprachigen Literatur
Laura Freudenthaler Foto © (c) ORF (Johannes Puch)

Der mit 7500 Euro dotierte 3sat-Preis geht an Laura Freudenthaler. Die in Salzburg geborene und in Wien lebende Autorin zählte mit ihrem Text "Der heißeste Sommer" (nachzulesen hier) zu den Favoriten. Ihre Erzählerin beobachtet mit mysteriösen, blutigen Lippen das Aufkommen einer Feldmaus-Plage in einem Dorf sowie das langsame Voranschreiten von Erdfeuern, die aufgrund der Trockenheit um sich greifen. Schnell wurde deutlich, dass sich Freudenthaler damit an die Spitze der potenziellen Preisträgerinnen geschrieben hat. Wilke lobte die Nüchternheit, mit der Freudenthaler beschreibt, wie Dinge außer Kontrolle geraten: "Der Text hat eine unglaubliche Wucht." Für Kastberger war es heuer der erste Text, der an die Namensgeberin des Bachmann-Preises herankomme. Gäbe es eine Aktie, würde er "wetten, dass das eine der aufkommenden Kräfte der deutschsprachigen Literatur sein wird". Freudenthaler könnte "eine aus tausend sein, die bleiben wird".

BkS-Bank-Publikumspreis

44. Tage der deutschsprachigen Literatur
Lydia Haider Foto © (c) ORF

Der BKS Bank-Publikumspreis mit 7.000 Euro, der mit einem Stadtschreiberstipendium in Klagenfurt verbunden ist, geht an Lydia Haider, die auf Einladung von Nora Gomringer gelesen hat. Lydia Haider ist Schriftstellerin und Chefpredigerin der Musikkapelle gebenedeit. Sie studierte Germanistik und Philosophie, ist Mutter zweier Kinder und organisiert mit Kolleginnen und Kollegen die Lesereihe Blumenmontag sowie das Kunstfestival Perspektiven Attersee. Mit der Wiener Grippe/KW77 schreibt sie Reiseberichte. Ihren Text "Der große Gruß" gibt es hier zum Nachlesen, die sehr durchwachsene Jurydiskussion hier.

Abschied von Winkels

Zum Schluss gab ORF-Kärnten-Chefin Karin Bernhard bekannt, dass Hubert Winkels aus der Jury ausscheidet. Er kehrt im kommenden Jahr aber wieder: Er wird 2021 mit der "Klagenfurter Rede" den 45. Bachmannpreis eröffnen.

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