Das Weben an oft höchst konträren Erzählfäden ist nur eines unter vielen Markenzeichen von Cormac McCarthy. Irgendwann im Verlauf seiner Geschichten verknotet sie dieser Visionär des Verfalls und des Untergangs auf raffinierte Weise. Anders verhält es sich nun in seinem Opus magnum, das weltweit zeitgleich erscheint. Als Zweiteiler.

Die erste Lieferung erfolgte mit dem 525-Seiten-Roman „Der Passagier“. Die Unzahl an Erzählfäden summiert sich diesmal zu einem massiven Knäuel. Vorerst denkt dieser Autor von Weltgeltung gar nicht daran, sie auch nur halbwegs zu entwirren. Raum und Zeit spielen keine Rolle, vermeintliche Wahrheiten landen gemeinsam mit Halluzinationen und Albträumen auf einer Müllhalde, die einstmals als Planet galt, Erde genannt.

McCarthy liefert virtuos eine Mixtur, die etliche Genres umfasst. Vom Thriller bis zum dialogreichen, pointierten Kammerspiel; von der fast schon feuchtfröhlichen Apokalypse bis zu Abhandlungen über diverse Quanten-Theorien. Das Quantum Trost ließ sich entschuldigen.

Einigermaßen Halt in dieser mehrdimensionalen Geschichte über den vorletzten Tag der Menschheit, mit deren Niederschrift McCarthy schon Mitte der 1980er-Jahre begann, liefert Robert „Squire“ Western. Und als Basisstation dienen Bars in New Orleans – am Beginn der 1980er. Bob arbeitet als Bergungstaucher. Bei einem seiner Jobs stößt er auf ein fast völlig unversehrt gebliebenes kleines Charterflugzeug mit sieben toten Insassen. Einer fehlt, angeblich. Das mobilisiert die Ermittler.

Dieser Bobby versuchte sich zuvor als Rennfahrer, sein Vater war beteiligt am Bau der ersten Atombombe. Zu seiner Schwester Alicia hegt der Lebens- und Überlebenskünstler ein inniges, möglicherweise inzestuöses Verhältnis. Mehr darüber wird man wohl im zweiten Teil, „Stella Maris“, erfahren, der in knapp vier Wochen erscheint.

„Der Passagier“ enthält alles, was ein genialer Roman braucht. Er ist skurril, zynisch, ironisch, düster, spannend, reich an Skepsis, noch reicher an Altersweisheit, er führt in einen globalen Irrgarten, am Eingang grüßen Pynchon und Kafka und am – vorläufigen – Ende gilt: Der Letzte macht das Licht aus.

Buchtipp: Cormac McCarthy. Der Passagier. Rowohlt, 525 Seiten, 28,80 Euro. 

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