Publicity ist immer gut, aber mit dieser Art von Werbung hat Delia Owens wohl sehr wenig Freude: 2019 erzielte die 73-jährige US-Autorin mit "Der Gesang der Flusskrebse" ("Where the crawdads sing") einen Sensationserfolg. Allein in den USA verkaufte sich das Buch – eine Mischung aus "Nature Writing", Krimi und Lovestory – rund fünf Millionen Mal und verzückte auch bei uns Leserinnen, Leser und die Kritik. Und das, obwohl die Geschichte scharf an der Grenze zum literarischen Kitsch entlangschrammt.

Owens erzählt darin die rührende Geschichte des "Marschmädchens" Kya, das sich nach dem schrittweisen Verlust ihrer Familie allein im Sumpfgebiet North Carolinas durchschlägt, einen Emanzipierungsprozess durchlebt, eine große Liebe und schließlich an einem windigen Sohn aus reichem Haus hängen bleibt – und plötzlich liegt dieser junge Mann tot unter einem Leuchtturm. Kya gerät unter Mordverdacht, es wird ihr der Prozess gemacht, dieser endet mit einem Freispruch. Im August kommt die Verfilmung des Buchs, produziert von Hollywoodstar Reese Witherspoon, in die Kinos.

Szene aus der Verfilmung des Romans
Szene aus der Verfilmung des Romans
© (c) IMAGO/Prod.DB (IMAGO/Sony Pictures Entertainment (SPE) - 3000 Pictures - Hello Sunshine)

Soweit die Fiktion, doch die spannendsten Geschichten schreibt bekanntlich das Leben. Im Zuge einer großen Recherche hat das US-Magazin "The Atlantic", konkret der Journalist Jeffrey Goldberg, minutiös dargestellt, dass Owens und ihre Familie in einen "echten" Mordfall verwickelt sein dürften. Owens, eine Zoologin, lebte fast 20 Jahre in Sambia und arbeitete dort mit ihrem Mann Mark und dessen Sohn Christopher in einem Nationalpark. Ihr Hauptanliegen: der Schutz von Elefanten vor Wilderern. Dabei dürfte ihnen das Tierwohl weit näher gestanden haben als jenes der Menschen. So soll das offenbar militante Ehepaar mehrmals Einheimische, die sie als Bedrohung für die Tiere betrachteten, an Pfähle gefesselt und geschlagen haben.

Die Owens verkauften sich medial gerne als strahlendes Tierschützer-Traumpaar. Das könnte ihnen jetzt zum Verhängnis werden. Im Jahr 1996 drehte der US-Sender ABC in Sambia eine Dokumentation über Delia und Mark Owens. Es hätte ein strahlender Werbefilm über die gefährdeten Dickhäuter und deren furchtlose Beschützer werden sollen. Doch plötzlich, vor laufender Kamera, knallte ein Schuss.

Gefilmt wurde Unglaubliches: die Ermordung eines vermeintlichen oder tatsächlichen Wilderers. Wer das Opfer war und wer der Schütze, wird im Film nicht genannt. Doch der Kameramann gab später zu Protokoll, dass Christopher Owens, der Sohn, den tödlichen Schuss abgegeben habe. Eine Leiche wurde nie gefunden. Im "Atlantic"-Artikel wird dazu der zuständige Polizeikommissar Graphael Musamba zitiert: "Der Busch ist der perfekte Ort, um einen Mord zu begehen. Die Tiere fressen die Beweise."


Delia Owens und ihre Familie, inzwischen längst in die USA zurückgekehrt, streiten jede Beteiligung am mysteriösen Fall ab. Nie seien durch ihre Aktivitäten als Tierschützer Menschen zu Schaden gekommen, beteuerte Delia Owens im Interview. War die Erfolgsautorin Zeugin, Mitwisserin? Der Mordfall wird jetzt in Sambia möglicherweise neu aufgerollt. Mord verjährt nicht. Der Freispruch von Kya in "Der Gesang der Flusskrebse" ist übrigens nicht ganz das Ende der Geschichte. Es kommt noch zu einer überraschenden Wende. Wie im richtigen Leben?

Buchtipp: Delia Owens. Der Gesang der Flusskrebse. hanserblau, 464 Seiten, 22,90 Euro.

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