Der Kreis schließt sich. Nichts hat einen Anfang, nichts ein Ende. Alles fließt ineinander, auch die Wirklichkeiten oder das, was wir dafür halten. Und dem Tod, ihm wird letztendlich der Stachel gezogen. Mit "Die Imker" hat der große Schriftsteller Gerhard Roth, der am 8. Februar dieses Jahres im Alter von 79 Jahren gestorben ist, den monumentalen Schlussstein zu seinem schier uferlosen Werk gesetzt. Bis zuletzt, bis hin ans Krankenbett, hat er akribisch an den Korrekturen zu diesem Buch gearbeitet; wohl im Wissen darum, dass er sich nicht nur in diesem Roman im Land der letzten Dinge befindet.
In "Landläufiger Tod", dem Schlüsselwerk aus dem Jahr 1984, ist der junge Franz Lindner – der verrückte Sohn eines Imkers – der Erzähler. In "Die Imker" taucht dieser Lindner, jetzt 62 Jahre alt, wieder auf. Er war unter falscher Identität im "Haus der Künstler" untergetaucht, nachdem man ihm nach dem Leben getrachtet hatte. "Wie ein Moloch lebte ich hier im Dunklen."

Die Welt wankt, doch der Mensch ändert sich nicht

Und dann der Tag, an dem das Ende beginnt, ein 1. April. Aus heiterem Himmel zieht gelber Nebel auf, deckt alles zu, die Menschen lösen sich buchstäblich in Luft auf, nur die Dinge bleiben zurück – und Tiere. Mit ihnen, stellt Lindner fest, kann er sprechen. Eine Schar Überlebender flüchtet aufs Land, unschwer ist darin Roths südweststeirischer Lebenskosmos erkennbar. Eine SOS-Kinderdorfgruppe stößt dazu, alles ist in Auflösung begriffen, nur die Gruppe der "Imker" stemmt sich gegen die Auslöschung.

Natürlich kann dieser Roman – illustriert von Erwin Wurm – als Dystopie gelesen werden, doch das würde im Fall von Gerhard Roth zu kurz greifen. Vielmehr handelt es sich um eine großflächige und wortgewaltige Meditation über die Menschheitsgeschichte, um die Entschlüsselung des Welträtsels, um das buchstäbliche Begreifen der Pflanzen- und Tierwelt. Gerhard Roth schreibt gegen die "Kloake des Vergessens" an, und im Kern ist auch die "Die Imker", wie alle seine Bücher, Daseinsbewältigung durch Sprache.

Die Welt wankt, doch der Mensch ändert sich nicht. Die Gruppe der Imker wird von der "Kolonie", die im Norden des Landes überlebt hat, angegriffen. Neid, Machtgier, Hass, Konkurrenzdenken haben sich nicht in Luft aufgelöst.

Nur wenige Tage vor dem Ausbruch seiner Krankheit besuchte Gerhard Roth die Klosterinsel San Francesco del Deserto in Venedig. Vor der Statue des Franziskus – jenes Heiligen, der mit den Tieren sprach – blieb er lange stehen. Dann lächelte Roth, drehte sich wortlos um und ging. Es sollte sein letzter Venedig-Besuch sein.

Der Kreis hat sich geschlossen, landläufig ist der Tod das Ende. Aber die Bücher, sie leben weiter. "Ich setzte den Schlusspunkt. Doch nichts geschah." Mit diesen Sätzen endet Gerhard Roths letzter Roman.

Buchtipp: Gerhard Roth. Die Imker. Illustrationen von Erwin Wurm.
S. Fischer, 549 Seiten, 32,90 Euro.

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