Kultroman von Goran VojnovićNachpfeifen ist ganz tschefurisch

Flippige Sozialstudie: Slowenischer Kultroman funktioniert und amüsiert auch auf Deutsch.

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Der slowenische Autor Goran Vojnovic
Der slowenische Autor Goran Vojnović © (c) PIXSELL (Grgur Zucko/PIXSELL)
 

Die Čefurji sind in Slowenien, was – ebenso wenig politisch korrekt – die Tschuschen in Österreich sind. Anders erklärt: Tschefuren ist die Bezeichnung für Zuwanderer aus den jugoslawischen Nachfolgestaaten, die sich im reichen Norden ein besseres Leben erwartet haben, aber: eh schon wissen. Man bleibt unter sich, die Eltern arbeiten in Jobs, die sonst keiner will, die Wohnverhältnisse sind beengt, vor dem Wohnblock sitzen und starke Sprüche klopfen ist Nationalsport. Auch für die vier Halbwüchsigen Marko, Adi (eigentlich Adnan), Aco und Dejan.

Goran Vojnović (41), selbst ein Tschefur, startete 2008 mit seinem Romanerstling „Čefurji raus“ (ein häufiges Graffito in den Straßen von Ljubljana) von 0 auf 100 in die Literaturszene. Seine genaue Kenntnis der Lebenswirklichkeit in der verrufenen Laibacher Satellitenstadt Fužine stürzt in dynamisch vulgärer Sprache auf den Lesenden ein, gespickt mit sarkastischen Witzen, Wutausbrüchen und den hilflosen Versuchen von Ich-Erzähler Marko, sich frei und nach oben zu strampeln.

47 kurze Kapitel stoßen mit Überschriften wie „Warum die kleinen Tschefurinnen die größten Monster sind“, „Warum keiner auch nur lausige fünf Prozent auf dich gibt“ oder „Warum wir immer den Idioten machen“ das Kopfkino an. Die Welt wird konsequent mit Markos Augen betrachtet. Seine Perspektive ist zwar „total im Arsch“, aber was ihm alles auf- und einfällt, fügt sich zu einer rasend schnell erzählten Sozialstudie, der man sich nicht entziehen kann.

Wieso werden die Namen der Tschefuren oft falsch geschrieben? Wieso nimmt die Polizei die Tschefuren bei jeder Kleinigkeit hops? Usw. Gar nicht zu reden von der „Religion“ Basketball und der innerfamiliären Aufgabenverteilung. Übrigens: Das Tschefurischste auf der Welt ist es, einer Frau nachzupfeifen.

2009 erhielt Vojnović den Preis der Prešeren-Stiftung und den Kresnik für den besten Roman. Dass der Text auch im Deutschen ausgesprochen flippig daherkommt, liegt an der Übersetzung von Klaus Detlef Olof. Meisterhaft getroffen ist der Slang der Vierer-Gang, überdreht und melancholisch der Grundton – bis zum Nachtrag, der die aktuelle Pandemie aufklaubt.

Buchtipp: Goran Vojnović. Tschefuren raus! Folio,
268 Seiten, 22 Euro.

KK
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