Er möchte zu den Größten gehören, versprach Timothée Chalamet letzten Februar, als er für seine Darbietung als Bob Dylan den SAG-Award gewann. Man könnte munkeln, ob dies nicht schon Beginn einer penetranten Marketingkampagne war. In „Marty Supreme“ spielt er ein Tischtennis-Ass, das in den 1950er-Jahren hoch hinauswill: Marty Mauser, angelehnt an Ping-Pong-Profi Marty Reiser. „Dream big“, so der Slogan, der das Plakat ziert. Fleißig rührt Chalamet seit Monaten die Werbetrommel. Eine der auffallendsten Aktionen: eine Kollaboration mit Rapper EsDeeKid, unter dessen vermummten Antlitz zuvor viele meinten, Chalamet zu erkennen. Für das Indie-Studio A24 haben sich die Marketingstunts ausgezahlt: finanziell ist „Marty Supreme“ sein bislang größter Gewinn.
Das Solo des Bruders
Wenn es darum geht, den Stresspegel hochzudrehen, ist man bei den Safdie-Brüdern jedenfalls gut aufgehoben. Mit „Good Time“ und „Uncut Gems“ entsandten Josh und Benny Safdie schon Robert Pattinson und Adam Sandler in die Abwärtsspirale. Mittlerweile arbeiten sie getrennt, ein Streit hätte die Brüder entzweit. „Marty Supreme“ ist das irre Geisteskind von Josh Safdie, der sich als Verehrer des „New Hollywood“-Kinos am liebsten in moralischen Grauzonen fortbewegt. Sein Marty Mauser, den Chalamet erschreckend manisch zum Leben erweckt, ist kein Sympathieträger. Sobald es unbequem wird, macht er einen Rückzieher. Seine schwangere Partnerin Rachel (eine Entdeckung: Odessa A’zion) lässt er im Stich. Wenn er aus einer Situation keinen Nutzen zieht, läuft er davon. Bald um sein Leben. Der erhoffte Traum artet zum wahrgewordenen Alptraum aus, von dem man die Augen nicht abwenden kann.
Das Begräbnis des amerikanischen Traums
New York inszeniert Safdie abermals als erbarmungslosen Schmelztiegel, an dem man sich besser nicht mit den Falschen anlegt. Dass sich alles so lebhaft anfühlt, ist unorthodoxem Casting zu verdanken. Seite an Seite mit Schauspielstars – neben Chalamet brilliert Gwyneth Paltrow als vergessene Alt-Hollywoodmimin – treten prominente und unbekannte Laien in Erscheinung. Die Rolle von Geschäftsmann Milton Rockwell, der als Mephisto dieser Geschichte Marty in einem verführerischen Pakt den letzten Anstand raubt, ging an einen auch in der Realität ungustiösen Gesellen. Kevin O’Leary ist Kanadas Antwort auf Donald Trump und macht sonst im „Shark Tank“ – der US-Version der „Höhle der Löwen“ – Hobby-Entrepreneure zur Sau. In Nebenrollen ebenfalls erstklassig besetzt: Nerd-Rapper Tyler, the Creator, der Magier Penn Jillette oder Regie-Legende Abel Ferrara, dessen verkommenes Bild des Big Apple („King of New York“) maßgeblich jenes der Safdies prägte.
Mit durchgedrücktem Gaspedal steuert Safdie seine atemlose Ping-Pong-Odyssee in Richtung Zielgerade. „Everybody Wants to Rule the World” der New-Wave-Helden von Tears for Fears schallert über den Abspann. „Jeder möchte die Welt regieren.“ Dass am Weg viele auf die Goschn fallen, vor dieser bitteren Wahrheitspille schreckt „Marty Supreme“ nicht zurück. Ein fiebriger Abgesang auf den amerikanischen Traum, fesselnd und meisterlich inszeniert bis zum ekstatischen Finale. Spiel, Satz und Sieg für das Kino.