In den Köpfen manch alteingesessener Kollegen hatte das Vorurteil eine Widerstandskraft wie der hier erzeugte Stahl entwickelt. Es hieß: „Frauen schaffen das nicht.“ Selina Walchhütter bewies ihnen das Gegenteil. Die heute 20-Jährige begann 2019 als erste Frau bei der Breitenfeld Edelstahl AG eine Lehre zur Schmiedetechnikerin – und schloss sie vor zwei Jahren mit Auszeichnung ab. Dazu kamen eine Schweißerausbildung und Führerscheine für Kran und Stapler. „Jetzt bietet sie den Männern ordentlich Parole“, ist Thomas Cseve, Leiter des Personalmanagements, stolz. „Ich wollte immer etwas mit Stahl machen“, erinnert sich Walchhütter. Dazu kam, dass ihr Bruder – „mein Vorbild“ – bei Böhler im selben Berufsumfeld tätig ist.

Als fixer Bestandteil einer dreiköpfigen „Schichtpartie“ arbeitet Walchhütter am Ortsrand von St. Barbara-Mitterdorf im Mürztal in einer Kulisse, die respekteinflößend wirkt. Dafür sorgt unter anderem die wuchtige 1000 Tonnen-Presse, die am Ende des langgestreckten Hallentrakts aufgestellt ist. Bei bis zu 1200 Grad werden hier die globigen, rot-orange glühenden Rohblöcke in die gewünschte Form gebracht. Das Portfolio ist breit. Es gibt über 60 verschiedene Blockformate von vierkant über achtkant bis zu rund oder flach und das in Gewichtsklassen zwischen tausend und 121.000 Kilo. Dafür donnert der schreibtischgroße Hammer der Presse immer wieder auf den Rohling. Zwischen den Stößen in die richtige Position gebracht wird er mithilfe einer, an der Front eines bulligen Spezialgefährts montierten, überdimensionalen Greifzange. Mit ihr wird der Block je nach Bedarf ein wenig nach vorne geschoben oder hinten gezogen, gedreht und gewendet. „Das ist der Manipulator, ein cooles Gerät“, erklärt Walchhütter die monströse Maschine, bei der Fingerspitzengefühl, aber auch Anpackerqualitäten und Fachwissen gefragt sind. „Man muss bei der Bearbeitung auf die jeweiligen Materialeigenschaften achten“, so die Expertin: „Unterschiede bei Temperatur oder Druck verändern auch die metallurgischen Eigenschaften des Gefüges.“

Die bei Breitenfeld gefertigten Schmiedetechnikerzeugnisse kommen in vielen Bereichen der weiterverarbeitenden Industrie zum Einsatz. Sie finden sich in der Energiewirtschaft, im Transportwesen, im Maschinen- und Werkzeugbau, in der Luft- und Raumfahrt, im Rennsport, in der Wind- und Wasserkraft sowie der Bahntechnik. Aber auch der neue Klöppel für die größte Glocke Österreichs - die Pummerin im Stephansdom - ist aus Breitenfeld-Stahl gefertigt.

„Gute Mischung aus Theorie und Praxis gefunden“

Die Rohblöcke stammen aus dem eigenen Stahlwerk. Jahreskapazität: 250.000 Tonnen. Bei der Produktion setzt man auf ein emissionsarmes Elektrostahlverfahren. Im Gegensatz zu herkömmlichen Methoden, die auf kohlenstoffintensiven Hochöfen basieren, wird elektrischer Strom genutzt, um den Schrott oder das Roheisen in einem Lichtbogenofen zu schmelzen. Durch die Nutzung erneuerbarer Energiequellen reduziert sich die CO₂-Bilanz drastisch und ermöglicht es, Rohblöcke zu erzeugen, die nahezu frei von fossilem Kohlenstoff sind.

Neben einer nachhaltigen Produktion setzt man auch im Personalmanagement auf innovative Konzepte zur Förderung der insgesamt 340 Mitarbeiter, darunter aktuell 15 Lehrlinge. Medin Kalabic hat diesbezüglich neue Wege eingeschlagen: Einerseits persönlich – er hat in Deutschland ein Gymnasium besucht und ist danach aus der Nähe von Duisburg für ein Studium an der Technischen Universität Graz in die Steiermark übersiedelt. Andererseits beruflich – nach einem Semester an der TU und der Erkenntnis, „das ist nichts für mich“, kam er über das klassische „Schnuppern“ mit Breitenfeld in Kontakt und ist heute im Unternehmen der erste IT Technik-Lehrling. „Ich wollte im Industriebereich bleiben und habe jetzt eine gute Mischung aus Theorie und Praxis gefunden, wo ich mich seit dem ersten Tag einbringen kann“, ist der 21-Jährige zufrieden. Bei seinen Freunden in Deutschland, die in punkto Ausbildung und Bezahlung vergleichsweise schlechter gestellt seien, habe das bereits für neidvolle Blicke über die Grenze gesorgt, lacht er.

 In „Action“: Selina Walchhütter an ihrem Arbeitsplatz
In „Action“: Selina Walchhütter an ihrem Arbeitsplatz © Breitenfeld