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Esoterik, Sekten & Co.„Das Spiel mit der Angst hat zugenommen“

Ulrike Schiesser, Psychologin bei der Bundesstelle für Sektenfragen, über den steigenden Zulauf zu Wunderheilern, Betrug und einen unüberprüfbaren Berufsstand.

Menschen mit Gesundheitsproblemen sind besonders anfällig für Heilversprechen und bereit, auch hohe Summen auszugeben © Africa Studio - stock.adobe.com
 

Eine „sektenartige, okkulte Gruppierung“ aus drei Frauen soll sich in Kärnten eine Million Euro von gutgläubigen Menschen erschlichen haben. Jetzt steht sie auch in Zusammenhang mit Mord und Brandstiftung. Ein Einzelfall?
ULRIKE SCHIESSER: Der Betrug durch okkulte Gruppen ist an sich nichts Neues. Es kommt auch immer wieder vor, dass dabei große Geldmengen im Spiel sind. Dass wir es in dem Fall in Kärnten mit besonderer Brutalität und Gewaltverbrechen zu tun haben, ist aber ein Extrembeispiel.

Generell scheint der Zulauf zu Geist- und Wunderheilen, Energetikern, Esoterikern, Hexen etc. stark zu steigen.
Ja, das Interesse an alternativen Heilmethoden nimmt stark zu. Immer mehr Menschen stehen der klassischen Medizin, dem Staat und großen Institutionen sehr kritisch gegenüber.

Und viele wittern das große Geschäft mit der Esoterik?
Die Zahlen zeigen eine Aufwärtsbewegung, der Beruf des Energetikers erscheint attraktiv. Mit dem Gewerbeschein haben sie eine Möglichkeit ohne Ausbildung im Bereich Medizin und Soziales tätig zu werden. Drastisch formuliert: Wir haben einen völlig unüberprüfbaren Berufsstand, in dem sich auch dem Okkultismus-Betrüger verstecken können. Energetiker dürfen eigentlich keine Diagnosen erstellen und keine Krankheiten behandeln, häufig tun sie es trotzdem.

Muss sich nicht auch die Schulmedizin hinterfragen?
Natürlich, denn alternative Angebote übernehmen Bereiche, die in der klassischen Medizin zu kurz kommen. Die Anbieter haben mehr Zeit mit den Menschen zu reden, sich um sie zu kümmern, ihnen ein Gefühl von Sicherheit und Hoffnung zu geben. Sie sagen Dinge wie „Ich habe schon ganz hoffnungslosen Fällen geholfen“. Das sind dann Geschichten wie die einer Lehrerin mit Krebs im Endstadium, die drei Wochen später wieder so fit war, um auf eine Kreuzfahrt zu gehen.

Positives Denken wird postuliert, oft geht es aber darum, Feindbilder zu schaffen.
Die Heiler stellen sich als diejenigen dar, die vor Dämonen und bösen Mächten schützen können. Das Spiel mit der Angst hat zugenommen. Und viele Menschen sind abergläubisch.

Was sagt diese Entwicklung über unsere Gesellschaft aus?
Die Gesellschaft wird irrationaler und ängstlicher, die Wissenschaftsfeindlichkeit nimmt zu. Viele Menschen verspüren Unsicherheit, Angst oder Einsamkeit. Wir leben in einer sehr komplexen Welt, viele suchen Orientierung und einfache Lösungen. Lieber simple Lügen als komplizierte Realität.

Privat/KK
Ulrike Schiesser, Bundesstelle für Sektenfragen © Privat/KK
Aber das muss ja dann nicht gleich ein Betrug sein.
Das macht es so schwierig. Wie prüfen Sie die Leistung? Wo ist die Grenze zwischen jenen, die selbst glauben, mit übersinnlichen Kräften heilen zu können, und anderen, die ihren Kunden nur möglichst viel Geld abnehmen wollen?

Sind diese okkulten Gruppen, Hexen, Schamanen etc. sogar gefährlicher als „klassische Sekten“ wie Scientology etc.?
Ja, weil diese ganze Szene kleinteilig und unüberschaubar ist. Es gibt große Versprechungen: „Ich schütze deine Familie vor bösen Einflüssen. Deine Kinder werden besser in der Schule. Deine Krankheit ist selbst verschuldet, in der Gruppe wirst du gesund.“ Da wird auch sehr viel Leid angerichtet. Und oft fließen unglaubliche Geldbeträge.

Und trotzdem werden Betrugsfälle selten bekannt.
Es gibt selten Anzeigen, weil sich die Menschen denken, dass der Heiler doch besondere Kräfte haben könnte – und sie nicht einen negativen Impuls ins Universum senden oder mit einem Fluch da sitzen wollen. Es stellt sich auch die Frage, wie man rechtlich überhaupt vorgehen kann.

Wie kann man sich selbst und andere schützen?
Je simpler die angebotene Lösung, desto vorsichtiger sollte man generell sein. Auch wenn jemand sehr autoritär auftritt und vorschreibt, wie man zu leben hat, ist Vorsicht geboten.

Beratung und Infos

Die Bundesstelle für Sektenfragen ist im Familienministerium angesiedelt. Sie beschäftigt sich mit Esoterikfragen, Verschwörungstheorien, fundamentalistischen Strömungen, Okkultismus. 1360 Menschen wandten sich im Vorjahr an die Stellen. Anfragen zu alternativen Schul- und Lernangeboten sowie Staatsverweigerern nehmen zu.

Beratung und Infos: www.bundesstelle-sektenfragen.at

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