Klima-UpdateNie zuvor wurde so viel Strom aus Kohle gewonnen

Trotz aller Klimaziele hat das heurige Jahr hat einen neuen Rekord bei der weltweiten Kohleverstromung aufgestellt. Hauptsächlich China und Indien setzen weiter auf den CO₂-intensiven Rohstoff. Die EU legt ihr Augenmerk indes verstärkt auf die Reduzierung der Methan-Emissionen und plant eine Sanierungspflicht für alte Gebäude.

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Den Kohleverbrauch herunterfahren – das war die Formel, auf die sich die Staaten bei der 26. Weltklimakonferenz vor etwas mehr als einem Monat in Glasgow nach langem Ringen geeinigt hatten. Zu sehen ist davon bislang allerdings noch nichts. Im Gegenteil: 2021 wird als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem eine Rekordmenge des fossilen Brennstoffs in Kraftwerken auf aller Welt verheizt worden ist. Das geht aus aktuellen Zahlen der Internationalen Energieagentur (IEA) hervor. Demnach dürfte die globale Stromerzeugung aus Kohle heuer den Wert von 10.350 Terawattstunden erreichen (den Kohle-Report zum Download gibt es hier). Wem diese Zahl nichts sagt: Das entspricht weit mehr als einem Drittel der gesamten Stromproduktion der Welt. Oder der etwa 20-fachen Menge der deutschen Stromaufbringung bzw. der 160-fachen Menge der österreichischen.

Worauf es aber eigentlich ankommt: Die weltweite Stromgewinnung aus Kohle ist heuer im Vergleich zu 2020 um neun Prozent nach oben geklettert und hat damit den höchsten Wert aller Zeiten erreicht. Im Jahr sechs nach den Klimabeschlüssen von Paris setzt die Welt also mehr denn je auf den klimaschädlichsten aller Energieträger. Hauptgrund für das Rekordhoch ist laut IEA die rasche Erholung der Weltwirtschaft von der Coronakrise und der damit verbundene Mehrbedarf nach Strom. Mit diesem Anstieg konnte der Ausbau erneuerbarer Energieträger in den entscheidenden Staaten nicht mithalten. So entfällt mehr als die Hälfte der weltweiten Kohleverstromung auf China, dessen Kraftwerke heuer um neun Prozent mehr Kohle verbrannt haben als im Jahr davor. In Indien legte die Stromerzeugung aus Kohle laut IEA sogar um zwölf Prozent zu.

IEA-Chef Fatih Birol spricht von einem "besorgniserregenden Zeichen dafür, wie weit die Welt in ihren Bemühungen vom Weg abgekommen ist, die Emissionen auf Netto-Null zu setzen". Ohne sofortige Maßnahmen, die Kohle-Emissionen einzubremsen, gebe es kaum noch eine Chance, das Ziel von maximal 1,5 Grad Erwärmung zu halten. Bis 2024 erwartet die Agentur weltweit dennoch einen weiteren leichten Anstieg der Kohleverstromung und des Kohlebedarfs insgesamt, getrieben vor allem durch die Staaten Asiens, während der fossile Energieträger in den USA (-21 Prozent) und in der EU (-30 Prozent) kräftig zurückgefahren werden dürfte. China hat sich international auf die Zusage festgelegt, seine CO₂-Emissionen "bis 2030" auf einen sinkenden Kurs zu bringen. Wann genau der Knick eintreten soll, darüber hüllt man sich in Peking bislang in Schweigen.

Europa nimmt indes ein anderes Treibhausgas ins Visier. Bis 2030, so ist es einem Gesetzesvorschlag der EU-Kommission zu entnehmen, soll der Energiesektor um 80 Prozent weniger Methan emittieren. Das stark klimawirksame Gas entweicht nämlich unter anderem bei der Erdöl- und Erdgasförderung und trägt, ganz grob gesagt, mit rund einem Fünftel zur Erderwärmung bei. Die Kommission will nun im Zuge der Umsetzung des "Fit for 55"-Pakets die Förderer fossiler Energieträger dazu verpflichten, ihre Methan-Emissionen zu überwachen, jährlich zu melden und zu reduzieren. Zumindest die ersten beiden Punkte sollen auch für jene Öl-, Gas- und Kohleunternehmen gelten, die zwar in Drittstaaten arbeiten, ihre Produkte aber in die EU exportieren.

Dicke politische Bretter

Klingt gut, allerdings muss dazugesagt werden, dass der europäische Energiesektor insgesamt nur rund ein Fünftel der Methan-Emissionen verursacht. Mehr als die Hälfte entfällt dagegen auf die Landwirtschaft, rund ein Viertel auf die Abfallwirtschaft. "Vor allem in der Landwirtschaft ist es oftmals sehr viel schwerer, die Methan-Emissionen zu verringern", sagt Stefan Lechtenböhmer vom deutschen Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie. Helfen würde laut dem Forscher ein geringerer Fleischkonsum. "Politisch sind das aber dicke Bretter." Dass die EU sich zumindest im Energiebereich auch für den Methan-Ausstoß außerhalb der eigenen Grenzen interessiert, sieht Lechtenböhmer positiv. Nach Berechnungen der IEA werden weltweit rund acht Prozent des als Beiprodukt der Öl- und Gasförderungen unerwünscht ausströmenden Methans nicht wie vorgesehen abgefackelt, sondern entweichen ungehindert in die Atmosphäre. In Summe ist dieser Effekt klimawirksamer als der gesamte europäische Autoverkehr.

Sanierungspflicht für Häuser soll kommen

Und in noch einem Punkt will die EU-Kommission den Klimaschutz vorantreiben. Laut Gesetzesvorschlag soll eine Sanierungspflicht für alte Gebäude kommen. Insgesamt verbraucht der europäische Gebäudesektor 40 Prozent der Energie und ist für ein Drittel der Treibhausgas-Emissionen verantwortlich. Besonders problematisch sind 15 Prozent der Bauten mit besonders hohem Energieverbrauch. Nach Vorstellung Brüssels sollen diese in der Regel alten Wohnungen und Häuser bis 2030 verpflichtend und kofinanziert über einen Klimasozialfonds so saniert werden, dass sie von der schlechtesten Klasse G im Energieausweis zumindest auf die nächste Klasse F klettern. Für öffentliche Gebäude und Geschäftsräumlichkeiten soll die Frist sogar schon 2027 gelten. Um das zu bewerkstelligen, müssten die Sanierungsraten von derzeit weniger als einem Prozent auf drei Prozent steigen. Ab 2030 sollen zudem alle Neubauten in der EU klimaneutral gestaltet werden, also emissionsfrei sein.

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scaramango
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Aber Hauptsache E-Mobilität und Handel mit einer digitalen Währung....


...die soviel Strom verbraucht, wie ganze Staaten !!!

hansi01
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Und wenn alle E-Autos fahren

Woher nehmen wir dann den Strom? Da können wir gleich wieder die alten Dampfloks aktivieren. Macht weniger Ausstoß, und es müssen keine neue Strom Leitungen zu den Entverbrauchern verlegt werden.

scionescio
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@hansi: es können gar nicht alle eAuto fahren ...

... weil die Frau Gewessler eine Studie vorgestellt hat, dass es ab 2030 nur mehr für ein Drittel der aktuellen Fahrzeugbesitzer auch Strom aus erneuerbaren Quellen gegen wird dh der Preis wird bei einer Verknappung entsprechend steigen und nur mehr das reichste Drittel wird sich individuelle Mobilität leisten können.