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CoronavirusMutiertes Virus: Wissenschafter zunehmend beunruhigt

Der Umstand, dass die neue Virusvariante offenbar nicht häufiger zu gefährlichen Krankheitsverläufen führt, ist keine Beruhigung für die Experten.

© APA (AFP)
 

Die neue SARS-CoV-2-Variante B.1.1.7 beunruhigt europäische Wissenschafter massiv - auch, weil in Großbritannien die Infektionsrate unter SARS-CoV-2-Kontaktpersonen plötzlich um die Hälfte gestiegen ist. "Ich hoffe wirklich, dass wir das dieses Mal als frühes Läuten der Alarmglocken sehen", erklärte Virologin Emma Hodcroft (Universität Basel) gegenüber der US-Wissenschaftszeitschrift "Science".

In Großbritannien hat die Regierung von Boris Johnson nach dem Hochschnellen der Covid-19-Erkrankungszahlen in England einen harten Lockdown mit Ausgangsbeschränkungen verfügt. Emma Hodcroft sieht das Vorgehen der Verantwortlichen in Kontinentaleuropa derzeit kritisch: "Ich habe den Eindruck, als befänden wir uns in einer anderen Situation - vor alle weil ein Großteil Europas irgendwie herumsitzt und zuschaut."

"Völlig unvorhersagbare Phase"

Dabei könnte die Lage in Sachen Covid-19-Pandemie bei der bereits in Großbritannien mit offenbar um 50 bis 70 Prozent höheren Infektiosität der Virusvariante, ähnlich jener aus Südafrika, schnell außer Kontrolle geraten. "Eine Befürchtung ist, dass B.1.1.7 schnell zur global dominanten Variante (von SARS-CoV-2) wird und eine neue und sehr, sehr schwere Erkrankungswelle antreibt", sagte Jeremy Farrar, Infektiologe am britischen Wellcome Trust. Während die Entwicklung der Pandemie im Jahr 2020 über weite Strecken gut prognostizierbar gewesen sei, wäre das jetzt anders. "Ich glaube, wir kommen jetzt in eine völlig unvorhersagbare Phase."

Die Hinweise aus der Wissenschaft darauf, dass die zunächst in Großbritannien festgestellte SARS-CoV-2-Variante mit ihren zahlreichen Mutationen - acht davon im für das Eindringen in Zellen entscheidenden S-Oberflächenprotein - deutlich infektiöser ist, werden immer zahlreicher. "Wir haben zahlreiche Quellen an noch nicht perfekt konkludenten Hinweisen. Aber alle deuten in dieselbe Richtung", erklärte Adam Kucharski, Gesundheitsstatistiker an der London School of Hygiene & Tropical Medicine, gegenüber "Science".

Dazu ein deutliches Signal aus den jüngsten Erfahrungen in Großbritannien: Die Behörde für Öffentliche Gesundheit Englands hat herausgefunden, dass 15 Prozent der Kontaktpersonen von Menschen, die nachgewiesen mit SARS-CoV-2 der Variante B.1.1.7 infiziert waren, danach selbst positiv auf das Virus getestet wurden. Bei Kontaktpersonen von Menschen mit Infektionen durch die ursprüngliche SARS-CoV-2-Varianten war das nur bei zehn Prozent der Fall.

Wenn andere Staaten, in denen B.1.1.7 auch entdeckt worden sei, eine ähnliche, plötzliche neuerliche Zunahme an Covid-19-Erkrankungen registrierten, werde das der stärkste Hinweis für die Gefährlichkeit sein, sagte Oliver Pybus, Evolutionsbiologe von der Universität Oxford. In Dänemark mit einer hohen Rate an SARS-CoV-2-Sequenzierungen sei der Anteil von B.1.1.7 an den untersuchten Virusproben binnen drei Wochen von 0,2 auf 2,3 Prozent gestiegen. "Was wir da haben, ist ein Paradebeispiel für ein exponentielles Wachstum während der vergangenen vier Wochen in Dänemark", berichtete "Science".

Der Umstand, dass die neue Virusvariante offenbar nicht häufiger zu gefährlichen Krankheitsverläufen führt, ist keine Beruhigung für die Experten. Kucharski: "Wenn etwas (eine Infektion; Anm.) ein Prozent der Betroffenen umbringt, sie aber viele Menschen bekommen, bedeutet das mehr Todesopfer als etwas (eine Infektion; Anm.), die nur wenige Menschen bekommen, aber zwei Prozent von ihnen tötet." Etwa um Weihnachten - das sind die aktuellsten Zahlen - wurde die effektive Reproduktionszahl von SARS-CoV-2 bereits mit 1,1 bis 1,3 angegeben.

In Großbritannien gab es jedenfalls vor dem harten Lockdown massive Probleme wegen Covid-19 im Gesundheitswesen. Um den Jahreswechsel waren in England allein rund 22.700 Patienten deshalb im Krankenhaus. Auf künstliche Beatmung waren an die 1.900 Erkrankte angewiesen. Im April hatte man am damaligen Höhepunkt der Pandemie etwa 19.000 Spitalspatienten wegen SARS-CoV-2 registriert.

Saffran Corderey, stellvertretender Geschäftsführer der Versorgungseinheiten des nationalen Gesundheitswesens (NHS) in England, berichtete von einem Anstieg der Zahl der Covid-19-Patienten um 27 Prozent innerhalb von nur sieben Tagen. Die Zahl der Intensivpatienten hätte sich um 35 Prozent erhöht: "Wir erwarten ein sehr schwieriges neues Jahr." Manche intensivmedizinischen Abteilungen in London, Ost- und Südostengland arbeiteten mit einer Auslastung von 140 Prozent, berichtete Alison Pittard, Dekan der Fakultät für Intensivmedizin (London). Währenddessen wurde in England Krankenhauspersonal aus dem Urlaub geholt, vor den Kliniken stauten sich die Rettungswagen.


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Kommentare (2)
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Ba.Ge.
40
10
Lesenswert?

Das Problem ist,

dass man solch Aufschreie nicht mehr ganz ernst nehmen kann - in Angesicht des letzten Jahres.
Verschiedene Hypothesen / Meinungen und erlebtes decken sich nicht und stellen das Vorgehen schwer in Frage...

calcit
8
42
Lesenswert?

Der ganze Verlauf der Pandemie...

...der Beginn, die zweite Welle und auch dritte Welle...wurde immer von den Experten befürchtet und progostiziert und von Leuten wie sie kleingerdete, in Frage gestellt negiert usw. Und es wird noch schlimmer werden...weil´s die meisten nicht kapieren und nur von Meinungen und Interpretationen herum lametierten...