Die Partnerschaft zwischen den gemeinnützigen Wohnbaugesellschaften in der Steiermark und der Landesinnung Bau – das Fundament für das internationale Erfolgsmodell „Sozialer Wohnbau“ – ist eng und vertrauensvoll. Alexander Pongratz, Landesinnungsmeister Bau, sowie Christian Krainer und Wolfram Sacherer von der Vereinigung „Die Gemeinnützigen Steiermark“ im Gespräch über Aktuelles und zukünftige Entwicklungen.
Welchen Stellenwert hat der soziale Wohnbau für unser Bundesland?
Christian Krainer: Prinzipiell schaut ganz Europa auf Österreich und fragt sich, wie wir das hinbekommen. Unser Modell der Wohnbauförderung sichert die Errichtung von leistbaren Wohnungen und gilt als beispielhaft. In Deutschland wurde diese Art der Förderung übrigens abgeschafft und heute leidet man darunter.
Wolfram Sacherer: Das zeigt, wie wichtig vor allem das politische Bekenntnis zu sozialem Wohnbau ist. Schließlich erfüllt dieser nicht nur finanzielle, sondern auch gesellschaftliche Ziele. Durch die Ausgestaltung als Objektförderung werden auch die soziale Durchmischung gefördert und die Bildung von Ghettos weitestgehend verhindert.
Alexander Pongratz: Für die Bauwirtschaft sind die gemeinnützigen Wohnbaugenossenschaften ein äußerst wichtiger Partner und Auftraggeber. In der Steiermark werden pro Jahr rund 1400 geförderte Wohneinheiten errichtet, das entspricht einem Gesamt-Auftragsvolumen von rund 200 Millionen Euro. Und da sind die Erhaltungs- und Sanierungsarbeiten noch gar nicht mitgerechnet.
Welche Standards erfüllt der soziale Wohnbau eigentlich? Muss man da Abstriche in der Bauqualität gegenüber dem freifinanzierten Wohnbau machen?
Pongratz: Der Standard im sozialen Wohnbau ist oft sogar höher als jener im frei finanzierten Wohnbau. Vor allem die ökologischen Standards im Sinne der Energieeffizienz sind deutlich höher, als im Baugesetz verlangt.
Sacherer: Hier muss man festhalten, dass das für die Projekte unserer gemeinnützigen Wohnbaugesellschaften sowohl für den sozialen Wohnbau als auch für den frei finanzierten Wohnbau gilt. Ein Unterschied besteht eigentlich nur in den Förderprogrammen.
Krainer: Dazu kommt, dass die meisten von uns errichteten Gebäude auch später in unserer Hand bleiben. Wir schauen daher noch viel stärker auf die Life-Cycle-Costs, also jene Kosten, die sich über die Jahre der Nutzung ansammeln. Dazu gehören nicht nur die Errichtungskosten, sondern auch die Erhaltungs- und Energiekosten sowie die Kosten für Sanierungen.
Welchen Stellenwert nehmen die Sanierungsarbeiten für die Wohnbaugenossenschaften ein?
Sacherer: Im Grunde tun wir uns sicher leichter als Wohnungseigentumsgemeinschaften, bei denen Sie für jeden Handgriff – außer es ist Gefahr im Verzug –Einstimmigkeit brauchen. Und auch durch das Mietrechtsgesetz sind bei Verbesserungsarbeiten höhere Mieten nur schwer durchzusetzen. Das hemmt die Investitionsbereitschaft der Eigentümer.
Krainer: Im sozialen Wohnbau investieren wir rund drei Mal so viel Geld in Verbesserungs- und Sanierungsarbeiten wie die Privaten.
Pongratz: Wünschenswert wäre eine Sanierungsrate von drei Prozent als Durchschnittswert über die gesamte Bauwirtschaft. Tatsächlich sind es nur 1,5 bis zwei Prozent, wobei die sozialen Wohnbaugesellschaften hier mit rund vier Prozent einen Löwenanteil stemmen. Dieses bedeutende Sanierungsvolumen der Gemeinnützigen hat aber nicht nur Auswirkungen auf unsere heimischen Baufirmen selbst, sondern auch auf das Baunebengewerbe. Und das nicht nur in Graz, sondern genauso in den einzelnen Regionen.
Kann so ein großes Auftragsvolumen nicht auch als Druckmittel verwendet werden?
Krainer: Auf den ersten Blick könnte man das schon ins Treffen führen, wir sehen unsere Tätigkeit aber auch im Sinne einer Gesamtverantwortung für die Gesellschaft. Auf der einen Seite sollen die Wohnungen leistbar sein und wir müssen natürlich auf die Gestehungskosten achten. Auf der anderen Seite geht es immer stärker um Nachhaltigkeit in den Kosten über den gesamten Lebenszyklus, da die Erhaltungskosten unmittelbar auch die Mieter und Nutzer treffen. So gesehen brauchen wir auch den Schulterschluss zwischen Bauwirtschaft und sozialem Wohnbau, um die Fördergeber davon zu überzeugen, nicht nur auf die Errichtungskosten, sondern auch auf die Gesamtqualität zu achten.
Sacherer: Errichtung, Nutzung und Sanierung eines Gebäudes ergeben für uns einen Gesamtkreislauf. Und schließlich tragen wir auch eine Verantwortung gegenüber den baubeteiligten Firmen und damit auch für deren Mitarbeiter. Schließlich sind diese ja auch am Ende des Tages zum Teil unsere Kunden. Daher ist uns die Fairness gegenüber unseren Auftragnehmern auch besonders wichtig.
Das Thema Fairness scheint bei Ihnen eine besondere Rolle zu spielen.
Pongratz: Korrekt! Die faire Vergabe ist eines der großen Anliegen, die wir mit den sozialen Wohnbaugesellschaften gemeinsam umsetzen konnten. Einerseits wird dabei das Prinzip des Bestbieters angewendet und nicht des Billigstbieters. Dieses umfasst neben der Preisgestaltung auch Qualitäten wie Mitarbeiterqualifikation und Leistungsfähigkeit, die Schaffung von Arbeitsplätzen in Österreich, aber auch Verlässlichkeit oder Bonität.
Sacherer: Ein wichtiger Punkt ist dabei auch die Beschränkung der Subunternehmerketten. Dies sollte auch im geförderten Wohnbau nicht mehr erlaubt sein. Das fördert die Transparenz ebenso, wie die Anwendung allgemein gültiger Ausschreibungsrichtlinien, die wir gemeinsam mit dem Fördergeber und der Bauwirtschaft erarbeitet haben. Schlussendlich geht es dabei um die Sicherheit für alle Beteiligten.
Die Zusammenarbeit zwischen sozialem Wohnbau und der Landesinnung Bau betrifft aber nicht nur das Kerngeschäft der Projekterrichtung, sondern umfasst auch Zukunftsthemen.
Pongratz: Das ist richtig. Wir haben bei der FH Joanneum eine eingehende Studie über die Nachhaltigkeit von Fassadensystemen in Auftrag gegeben. Diese stützt sich auf Untersuchungen von über 100 Objekten aus dem Bestand der sozialen Wohnbauträger. Rund 80 Prozent der neu errichteten Gebäude sind mit so genannten Wärme-Dämm-Verbund-Systemen – kurz WDVS – erbaut worden. Konkret handelt es sich dabei um jene Wärmedämmplatten aus extrudiertem Polystyrol, die seit vielen Jahren auf die Außenwände der Häuser geklebt werden. Dabei zeigte sich, dass diese WDVS-Fassaden ohne konstruktiven Schutz, zum Beispiel durch Vordächer, Balkone oder Auskragungen, ganz besonders starken Beeinträchtigungen ausgesetzt sind. Denn die im Niederschlag enthaltenen Schadstoffe dringen in die Fassade ein und verursachen Veralgungen und noch andere mit der Verwitterung einhergehende Beeinträchtigungen.
Krainer: Das Ergebnis dieser Studie kann auch uns als soziale Wohnbaugesellschaften nicht egal sein, denn – wie schon mehrfach gesagt – betreffen uns diese Schäden über den Blickwinkel der Life-Cycle-Costs ganz massiv. Dabei sind auch die architektonischen Ansprüche stark gefordert, denn eine plane Fassade optimiert zwar die Errichtungskosten, ist aber bezogen auf den Lebenszyklus offenbar ineffizient.
Pongratz: Was sich jedenfalls zeigt ist, dass eine professionelle Planung und Baubegleitung sowie eine entsprechend hochqualitative Ausführung, unter Einhaltung der Verarbeitungsrichtlinien, die Lebensdauer signifikant verbessern. Auch das spricht für den hohen Anspruch der sozialen Wohnbaugesellschaften an die Qualität ihrer Projekte.
Sacherer: Denn abschließend darf man eines nicht vergessen: Wir sind zwar sozial orientierte Gesellschaften, aber wir sind auch Wirtschaftsbetriebe, die den Gesetzen des Marktes unterworfen sind. Daher sind auch wir dazu angehalten, unsere Entscheidungen aus ökonomischen und ökologischen Blickwinkeln zu treffen und dabei die Gesamtverantwortung für die Gesellschaft und die Menschen in unserem Land nicht aus den Augen zu verlieren.