30 Jahre Bühnenerfahrung und kein Ende in Sicht: Wenn die Sportfreunde Stiller ihr Jubiläum zelebrieren, ist mit einem Ansturm zu rechnen. 1995 als Senkrechtstarter in die Indie-Rock-Szene eingestiegen – damals unter dem Arbeitstitel „Endkrass“: Diese Jugendsünde sei verziehen – ist das drollige Männergespann aus Germering bei München lange kein Geheimtipp mehr. Denkt man, die Bandgeschichte sei auserzählt, kommen die Softies aus Bayern mit einem neuen Hit zum Schmusen und Verlieben angedackelt. Die Musik der „Sportis“ hat einen Appeal, der Generationen übergreift, das ließ sich beim donnerstägigen Gastspiel auf den Grazer Kasematten gut beobachten. Fans der ersten Stunde grölten sich Seite an Seite mit dem eigenen Nachwuchs das Herz aus dem Leib.
Das erste Graz-Konzert habe man im Jahr 2000 noch vergleichsweise bescheiden bestritten, erinnerte sich Sänger und Gitarrist Peter Brugger nostalgisch vor ausverkaufter Menge zurück. „Wer war denn damals bereits dabei?“, fragt der Musiker in die Runde. Erstaunlich viele Hände gehen nach oben. Das Geheimrezept der Sportfreunde liegt wohl im juvenil-naiven Charme ihrer Texte, der nach wie vor unverbraucht daherkommt. Auch mit 54 Jahren trägt Bandleader Brugger sein Herz auf der Zunge. Manche Kollegen verstecken ihre Gefühle hinter ironischen Doppelböden – gerade bei jüngerem Publikum will man es sich nicht erlauben, „cringe“ (sprich: peinlich) zu sein –, dieses eingespielte Team steht zu seinen Singsang-Oden, die mit positiver Energie aufgeladen sind. Das Credo: Menschen zusammenbringen, schwere Gedanken beiseitelassen.
Ein Hitfeuerwerk und viel Respekt für hungrige Fans
Wie versprochen, so geschehen. Bei diesem Hitrepertoire konnten wohl selbst zynische Nicht-Fans, die man gegen ihren Willen auf den Schloßberg zerrte, nicht der Mitsing-Verlockung widerstehen. Eine vertraute Akkordfolge erklang und binnen Sekunden wandelten sich die Räumlichkeiten zur Beinahe-Karaokeshow. „Ich wollte dir nur mal eben sagen, dass du das Größte für mich bist“, lautet der Refrain im aufrecht kitschigen Liebesgeständnis „Ein Kompliment“. So textsicher erlebt man das heimische Publikum nicht alle Tage. Ein Jubelschrei hier, ein Klatscher da. „Applaus, Applaus.“ So heißt übrigens auch ein anderer Chartstürmer. Auf die Liebeserklärung an die deutsche Nationalelf – den mehrfach erschienenen Stadionkracher „54, 74, 90, 2006“ – verzichtete man. Nach der WM-Flaute der deutschen Nachbarn wohl keine schlechte Wahl. Der österreichische Sportsgeist sieht das anders: Dabei sein ist alles.
Statt der Fußballhymne kredenzte man dem Gefolge immerhin eine „Hymne an dich“. Dass diese Band trotz aller Höhenflüge die Nähe zum eigenen Publikum gewahrt hat, ist keine Selbstverständlichkeit. Während Weltstars Fans zu horrenden Preisen mit einstündigen Sets hinhalten, will man den Zusehenden hier etwas für ihr Geld bieten. Auf eine Zugabe folgte die nächste. Erst nach zweieinhalb Stunden entließ man die Fan-Chöre in die Nacht. Glücklich und gesättigt. „Wie lange sollen wir noch warten, bis wieder bessere Zeiten starten?“, grübelte man in einer frühen Nummer. Wohl gar nicht, würden auch andere ihre Nächstenliebe nicht nur in leere Plattitüden hüllen. Bei den „Sportis“ fühlt man sich temporär in eine heile Welt versetzt. Ein bisschen Naivität darf sein.