Denn sie wissen ganz genau, was sie tun. „Bestellt werden die Bücher ausschließlich über ISBN-Nummern, also internationale Bestellnummern“, sagt Matthäus Truppe vom Antiquariat Truppe in der Grazer Innenstadt. „Und gekauft werden ausschließlich wissenschaftliche Titel, keine seltenen Exemplare. In Wahrheit ist das Massenware.“
Die Rede ist von anfangs geheimnisvollen Einkäufen, die seit einigen Monaten hauptsächlich in Antiquariaten in Deutschland, aber auch Österreich getätigt wurden. Niemand konnte sich zunächst erklären, was dahintersteckt. Inzwischen liegt der Grund für den Erwerb von Zigtausenden alten Büchern auf der Hand. Die Titel sind für den amerikanischen Markt bestimmt. Und mit dem Inhalt der Bücher sollen KI-Sprachmodelle trainiert werden. Das digitale Futter für die Künstliche Intelligenz ist auf diesem Sektor aufgebraucht, jetzt wird auf analoge Quellen zurückgegriffen – und dafür ist der europäische Markt bestens geeignet.
Kuriose Titel
Die Online-Bestellungen bei den Antiquariaten langen meist in der Nacht ein. Und es sind oft die kuriosesten Titel, die bestellt werden. Volkskunde, Landeskunde, Geschichte, kaum Belletristik. „Bestellt wurde über eine Firma namens ‚Zoom Books‘“, erzählt Matthäus Truppe. „Die Bücher bewegen sich preislich meist unter der 100-Euro-Grenze. Der Versand erfolgt nach Deutschland, von dort werden die Bücher dann offenbar in die USA und nach Kanada weiterversandt.“
Auch der Klagenfurter Verleger Achim Zechner, der neben seinem Heyn-Verlag auch ein Antiquariat betreibt, hat ähnliche Erfahrungen gemacht. „Es wird meist im Niedrig- bis Mittelpreis-Segment bestellt, aber es kommt auch vor, dass die Portokosten die Buchkosten übersteigen“, erzählt er: „Es sind alles Sachbücher, aber ansonsten ist kein System dahinter zu erkennen. Bestellt wird alles, was irgendwie interessant zu sein scheint. Da wird das Wissen der Welt aufgekauft.“
Das deckt sich mit den Beobachtungen, die in Deutschland gemacht wurden. Was die Käufer suchen, ist ganz offensichtlich „frisches“ Trainingsmaterial für KI-Modelle. Diese Inhalte sind im Netz rar, also werden die Bücher auf herkömmlichem Weg angekauft, um KI-Programme zu schulen. Der Inhalt der Bücher wird dann in einem eigenen Spezialverfahren gescannt, die Bücher selbst wandern anschließend in den Schredder, werden also vernichtet.
Digitalisiert und geschreddert
Auch eine Recherche der „Washington Post“ beschäftigte sich bereits vor Monaten mit diesem Thema. Das KI-Unternehmen Anthropic wird von „Zoom Books“ beliefert und lanciert mit den massenhaft angekauften antiquarischen Büchern sein Programm „Projekt Panama“. Die Scanner lesen in Hochgeschwindigkeit die Seiten der Bücher ein, die zuvor aus den gebundenen Büchern herausgetrennt wurden. Die Inhalte werden digitalisiert und kommen in den gigantischen KI-Speicher. Dann kommt, wie gesagt, der Schredder. Die US-Zeitung bezeichnet dieses Verfahren als „zerstörerisch“.
Das Problem: Ein US-Bundesgericht hat diese Praxis im Vorjahr für rechtens erklärt. Wer ein Buch legal kauft, kann damit machen, was er oder sie möchte – auch für KI-Zwecke nutzen. Das fällt nicht unter Urheberrechtsverletzung. Der Name dafür: „Fair Use“.
„Und diese Gesetzeslage nutzen die US-Tech-Giganten natürlich aus", so Gustav Soucek, Geschäftsführer des Hauptverbandes des Österreichischen Buchhandels. „Bei uns hingegen berechtigt der Kauf eines Buches nicht, dass ich den Inhalt für KI-Zwecke verwende. Deshalb braucht es unbedingt vertragliche Schutzmaßnahmen und eine grenzüberschreitende Lösung.“ Abgesehen von laufenden Verletzungen des Urheberrechtes sieht Soucek auch eine weitere Gefahr. „Je mehr Wissen der KI zugeführt wird, desto klüger wird sie. Noch erkennen wir meist, wenn in Büchern Künstliche Intelligenz im Spiel ist – aber wie lange noch?“
Bücher werden zu Beute
Wolfram Weimer, Beauftragter der deutschen Bundesregierung für Kultur und Medien, fand bereits im Vorjahr bei der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse klare Worte für das Thema. „Die KI wird die Welt der Literatur und der Bücher zerfetzen“, so Weimer. Data Mining sauge das kreative Potenzial aus zahllosen Köpfen, Bücher würden zu Beute werden. „Ich halte das für geistigen Vampirismus“, zeichnete Weimer ein düsteres Szenario.
Antiquar Matthäus Truppe sieht das Ganze übrigens pragmatisch. „Um diese Bücher ist es nicht schade, sie sind in Massen vorhanden. Was der Käufer damit macht, kann mir eigentlich egal sein.“ Etwas ambivalenter beurteilt es Achim Zechner: „Natürlich freut man sich, wenn irgendwelche Ladenhüter endlich verkauft werden. Aber wenn man weiß, dass das Buch in eine KI eingespeist und dann vernichtet wird, freut man sich schon nicht mehr ganz so über den Umsatz. Aber ich denke, wir können diese Entwicklung ohnehin nicht aufhalten.“