Das Oberhaupt der Sturm-Familie fieberte von New York aus mit. Christian Jauk führte sich unmittelbar vor seiner Rückreise aus dem „Big Apple“ am Flughafen die Live-Übertragung zu Gemüte und durfte ob des Dargebotenen hellauf begeistert sein. Mit dem Wissen um einen 4:0-Triumph gegen Heart of Midlothian im Rahmen der Champions-League-Qualifikation ließ es sich den Langstreckenflug in die Heimat ungleich erleichterter antreten. Es war vor allem vom Ergebnis her eine Saisonpremiere wie im Märchen für Schwarz-Weiß. Der Weg zum Happy End sah jedoch auch das Überwinden von Hindernissen vor.

VERSCHWENDERISCHER GEGNER:

Besagte Hindernisse hätte der Kontrahent durchaus zu nur schwer überwindbaren Hürden machen können. Nach der frühen 1:0-Führung der Grazer präsentierten sich die Schotten unbeeindruckt, vor dem Tor jedoch nicht effizient genug. Resultat und Leistung gingen aus Sicht der Gäste bestimmt nicht Hand in Hand. „Die sind wirklich so gut, wie ich mir gedacht habe“, musste Trainer Fabio Ingolitsch bereits früh in der Partie anerkennen. Zwei Tore aus Standards als Dosenöffner und seine Umstellung zur Pause weg von der Raute zu einem 4-2-4-System erwiesen sich als geglückte Schachzüge. Danach hatte Sturm mehr Zugriff aufs Spiel. Ingolitsch sprach vom „Drang zur Veränderung“ zur Pause: „In der ersten Hälfte war es nicht so, wie ich mir meinen Fußball vorstelle.“

Jürgen Heil legte mit seinem Tor ein Gänsehaut-Debüt hin
Jürgen Heil legte mit seinem Tor ein Gänsehaut-Debüt hin © GEPA

EMOTIONALE TORE UND TORSCHÜTZEN:

Auch den Spielern war die immense Bedeutung der Partie vollends bewusst. Insofern hätte es ein wenig Druck genommen, quasi mit einer 1:0-Führung in die Partie zu starten, fand Torschütze Jon Gorenc Stankovic. Ein Tor in Minute vier, das die Zuschauer zusätzlich anspornte: „Ich bin jetzt sechs Jahre hier. Ich weiß nicht, ob die Stimmung schon einmal so gut war.“ Auch die übrigen Tore fielen zu perfekten Zeitpunkten. „Es waren ein paar verrückte und fantastische Minuten“, resümierte Ingolitsch jene neunminütige Phase, in der Sturm drei Treffer gelangen. Für die emotionale Schlusspointe sorgte dabei Jürgen Heil, der sein Sturm-Debüt ausgerechnet vor der Nordkurve krönte, auf der er einst als Fan selbst stand. „Es war ein Gänsehautmoment“, gestand der Routinier. Ob er sich jemals hätte träumen lassen, so einen Einstand hinzulegen? „Genau so habe ich es mir in Gedanken ausgemalt. Ich stellte mir vor, dass ich nach vorne komme, einen reinschieße und ich mich feiern lasse. Aber dass es dann so passiert, ist ein Wahnsinn.“ Auch Luca Weinhandl jubelte erstmals in Liebenau. „An mein erstes Tor vor der Kurve werde ich mich noch lange erinnern“, versicherte der 17-Jährige.

TEENAGER AM VORMARSCH:

Perfekt in Szene gesetzt wurde Weinhandl vor seinem Tor von Jacob Hödl. Auch abseits dieser Koproduktion gehörten die beiden Teenager zu den auffälligsten schwarz-weißen Akteuren. Weinhandl schloss nahtlos an seine überzeugende Vorbereitung an, im Laufe derer Ingolitsch „sehr früh klar war, dass er ein Starter sein muss.“ Gegen Hearts sei der Mittelfeldspieler einer der Hauptfaktoren gewesen, warum Sturm ein griffiges Spiel hingekriegt habe: „Speziell durch seine Work Rate. Er ist über 13 Kilometer Gesamtdistanz gelaufen, drei Kilometer davon hochintensiv.“ Das nächste Schuljahr wird für Weinhandl sein Maturajahr, bis dahin kann er sich mit Ausnahme einer Lateinprüfung auf den Fußball und die Ferien konzentrieren.

Luca Weinhandl und Jacob Hödl sorgen für Furore
Luca Weinhandl und Jacob Hödl sorgen für Furore © GEPA

Hödl attestierte Ingolitsch gar das bis dato beste Spiel unter seiner Anleitung. Der 19-Jährige musste sich jedoch im Laufe des Sommers aus einem kleinen Loch kämpfen, in das er schon gegen Ende des Frühjahrs schlitterte, weil er schlichtweg müde wurde, aber mangels anderer Optionen keine Pause bekam. „Wenn man ehrlich ist, hätten wir ihn gegen Ende der letzten Saison mal rausnehmen müssen. Es wäre meine Verantwortung gewesen, irgendwann einmal kurz den Stecker zu ziehen, weil eine kleine Pause gut tut, du wieder frischer im Kopf und in den Beinen bist.“ Die Breite des Kaders sollte momentan mehr Auszeiten zulassen. „Aber es freut uns sehr, dass unsere Buam auf diesem Niveau mit diesem Alter in einem K.o.-Spiel, in dem es um so viel geht, derart abliefern können.“

KADERHYGIENE:

Bei aller Freude über die beiden Youngsters war es Ingolitsch dennoch ein Anliegen, gerade nach diesem Sieg das Kollektiv in den Mittelpunkt zu stellen und nicht einzelne Spieler. „Wir haben extrem großen Wert auf Atmosphäre und Hygiene gelegt“, erklärte der Salzburger und freute sich spürbar, dass die viel beschworene gute Stimmung auch auf dem Platz sichtbar wurde. „Wir haben einen Mannschaftskern gefunden, der Spieler egal woher, egal wie alt und mit welcher Vorgeschichte aufnimmt und akzeptiert.“ Unter diesen Rahmenbedingungen nutzten auch vermeintlich bereits gescheiterte Kräfte wie die Leihrückkehrer Szymon Wlodarczyk und Emran Soglo ihre Chance. „Menschen brauchen Vertrauen, um liefern zu können. Das versuchen wir unseren Spielern zu geben. Natürlich kann man nicht jeden starten lassen, aber man kann gut mit ihnen umgehen. Das ist eigentlich das A und O.“

Szymon Wlodarczyk feierte sein Sturm-Comeback
Szymon Wlodarczyk feierte sein Sturm-Comeback © GEPA

AUSGEWOGENHEIT IM KADER:

Angesichts des folgenden Mammutprogramms ist davon auszugehen, dass beim ÖFB-Cup-Spiel in Seekirchen großflächig rotiert wird. Die Kaderbreite sollte es hergeben, auch wenn weiterhin am Aufgebot gebastelt wird. „Insgesamt sind wir gut aufgestellt, aber es gibt natürlich die eine oder andere Position, auf der wir nicht ganz ausgewogen sind“, meinte Ingolitsch. Dass Soglo etwa den Alleinunterhalter als Linksverteidiger gibt, ist kein Idealzustand. Dass nun eine Ligaphase zum Greifen nah ist, soll sich auch im Aufgebot bemerkbar machen. „Spielen wir international, müssen wir jede Position doppelt besetzten“, benannte Ingolitsch die Erwartungshaltung.

EIN MULTIPLIKATOR:

Ein derart positives Erlebnis beim Auftakt kann vieles auslösen. Es liegt an Sturm, diesen Schwung mitzunehmen. „Ein guter Start kann ein Multiplikator sein“, glaubt Ingolitsch, „es gibt Vertrauen in das, was man vorhat und tut. Es gibt ein gutes Gefühl in der Mannschaft und im ganzen Verein.“