Wenn man sich auf YouTube, Instagram und Co. herumtreibt, kann man locker schon vor dem Frühstück die ganze Palette an Unzulänglichkeiten abkriegen. Was der Algorithmus halt glaubt, wo es denn so hapern könnte: Cortisol-Bauch, Lymphstau, Hängebäckchen, geschwollene Beine, schwaches Bindegewebe. Was es einem halt so reinspült, wenn man weiblich und um die 50 ist. Wer männlich und auch nicht viel jünger ist, dem springt vermutlich ein üppig gewordener Waschbärbauch ins Gesicht. Innerhalb von wenigen Minuten steht am unteren Ende des Anamneseblattes so etwas wie „Mängelexemplar“. Das ist zum Frühstück schon eine ordentliche Portion.

„Neuromarketing“ heißt das, eine Art Bauernfängerei 2.0, aber ohne die Hoffnung, man könnte sein Gegenüber doch noch überlisten. Neuromarketing ist eine Mischung aus Grundannahmen – Frau, Mann, Alter, Land, individuelle Nutzung, Sehnsüchten, Wünschen und irgendwelchen technischen Zaubertricks, die man wohl gar nicht so genau wissen will. Auch wenn man bislang nicht mal gewusst hat, dass es sowas wie einen Cortisolbauch überhaupt gibt, plötzlich ist er überall. Ausblenden? Möglich, aber es ist ein bissl wie beim Schwammerlsuchen, wenn man durch das Unterholz schleicht – irgendwas Unangenehmes bleibt da immer an einem hängen.

Dann ist es ja gut, dass zu den Problemen gleich auch die Lösung geliefert wird, immer öfter von alarmierten Stimmen, die so klingen, als gehörten sie den verkühlten Cousins von Darth Vader. Was gruselig nach KI klingt, ist auch KI. Und die preist an, womit man all die vorhandenen, nicht vorhandenen, befürchteten Probleme beheben kann. Das alles ist reine Nächstenliebe, die auch nur um ein bisschen eine Aufwandsentschädigung bittet. Neu ist das alles nicht, siehe Bauernfängerei, aber im digitalen Wohnzimmer ist sie so omnipräsent, dass es einem Dauerfeuer gleichkommt.

Kann man, muss man zurückschießen? Sparen Sie sich das! Besser ist, sich daran zu erinnern, dass der Mensch nicht auf Perfektion ausgelegt ist. Das zu wissen, ist umso wichtiger, je mehr Künstliche Intelligenz Teil unseres Lebens wird. In einem Konzept, das auf Perfektion ausgerichtet ist, mag der Mensch wie ein Mängelexemplar erscheinen. Dabei ist Perfektion geradezu unmenschlich. Oder anstrengend. Oder langweilig. Bleiben wir lieber ein Mängelexemplar mit Aussicht auf Verbesserung oder wie es der koreanische Medienkünstler Nam June Paik so herrlich unperfekt auf den Punkt gebracht hat: „When too perfect, lieber Gott böse“. Und das wollen wir doch nicht.

Und was den Rest betrifft, der nun mal nach unten strebt oder wächst oder sich wölbt, da kann uns die Physik trösten: Im Angesicht der Erdanziehungskraft sind wir doch alle gleich.

Haben Sie ein schönes Wochenende und seien Sie ein bissl netter zu sich selbst.

Susanne Rakowitz