Clemens Pig hat als neuer ORF-Generaldirektor noch nicht einmal seinen Dienst angetreten. Erst am 1. Jänner nimmt das neue Direktorium formal die Arbeit auf. Aber schon jetzt ist klar: Das wird ein ungemütlicher Flug und der Kurs muss schon jetzt adaptiert werden. Denn der ORF hat im Jahr 2026 das letzte Drittel eines 325-Millionen-Euro-Sparpakets aus seinen Ausgaben gestrichen. Doch für 2027 steht schon die nächste Sparhürde an: 93 Millionen Euro an Vorsteuer-Ausgleich, die der Bund bisher ersetzt hat, sollen ab 2027 entfallen. Denn auch der Staat muss sparen und will einen Beitrag zur Budgetsanierung leisten.
Das sieht auf den ersten Blick bei immerhin 1,12 Milliarden Euro Jahreseinnahmen nicht unmöglich aus. Aber das Sparpaket wird auf das laufende Sparpaket aufgesetzt. Interims-Generaldirektorin Ingrid Thurnher hat daher im Juni auch einen Gang zum Verfassungsgerichtshof angekündigt. Stoßrichtung: Das würde es dem ORF unmöglich machen, seinen Auftrag zu erfüllen. Das ist relevant, denn das Höchstgericht hat dem Gesetzgeber in einem Erkenntnis prophylaktisch verboten, beim ORF übermäßig zu sparen. Diesen Punkt sieht Thurnher nun erreicht. Ob das Gericht dem folgt, wie es ihr Nachfolger Pig sieht, und ob es überhaupt zur Beschwerde kommt, ist unklar.
Was kann man also tun, um den Supertanker ORF dennoch flott zu halten? Da wären einmal die Einnahmen: Der ORF lukriert sie aus drei Quellen: 789 Millionen aus dem ORF-Beitrag, 183 aus Werbung und 151 Millionen sonstige Erlöse (etwa Rechteverkäufe). Die naheliegendste Option entfällt: Der ORF-Beitrag wird bis 2029 nicht erhöht – zumindest will das die Politik naheliegenderweise nicht. Und mehr Werbung wird man in Krisenzeiten auch kaum verkaufen können.
Daher muss man an die Ausgaben. Größter Hebel ist da der 397 Millionen Euro schwere Personalbereich: Pensionierungen, Nichtnachbesetzungen, Effizienzsteigerungen sind angesagt. Potenziale orten Experten bei Verwaltung, Technik, Digitalisierung und dem Nutzen von KI und der Zusammenlegung von Doppelstrukturen zwischen ORF und seinen Töchtern. Pig könnte seine neue Struktur nutzen, um solche Potenziale zu heben. Eines ist klar: Zwar sind die Top-fünf-Verdiener der Transparenz-Gehaltsliste nun nicht mehr im Unternehmen (und weitere wackeln bereits), aber das sind symbolische Einsparungen. Man müsste an die Masse der rund 4.000 Mitarbeiter gehen.
Posten-Karussell
Ein immenser Kostenfaktor sind auch Landesstudios, alle neun für sich vollständige Verwaltungseinheiten mit viel Personal: Jeder vierte ORF-Mitarbeiter arbeitet in einem Landesstudio. Eine Abschaffung oder Zusammenlegung von Landesstudios ist freilich realpolitisch unrealistisch. Sparpotenzial bestünde aber bei den redaktionsfernen Strukturen: gemeinsamer Einkauf, zentrale Buchhaltung, standardisierte Technik, weniger lokale Verwaltung, überregionale Produktionspools.
Ein besonders heikler Sparbereich ist der Sport, vor allem teure Sportrechte. Über die tatsächlichen Kosten schweigt der ORF – diese Ausgaben gelten als „Geschäftsgeheimnis“. Branchenkenner schätzen, dass der Sportbereich inklusive Rechte, Produktion, Personal und Technik jährlich zwischen 100 und 150 Millionen Euro verschlingt. Gespart wird dort allerdings schon seit Jahren. Der ORF kauft Übertragungsrechte heute selektiver ein und teilt sich Großereignisse mit anderen Sendern (etwa die laufende Fußball-WM mit ServusTV). Andererseits gehören Sportübertragungen zu den wenigen Programmen, die regelmäßig ein Millionenpublikum anlocken. Wer hier den Rotstift ansetzt, spart zwar Geld, riskiert aber Reichweite und Werbeeinnahmen.
Die Zeit der einfachen Sparmaßnahmen dürfte jedenfalls vorbei sein. Information, Kultur, Kinderprogramme und die regionale Berichterstattung zählen zum Kern des öffentlich-rechtlichen Auftrags und lassen sich nicht beliebig streichen. Gleichzeitig muss der ORF weiter in ORF ON, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz investieren, um langfristig effizienter arbeiten zu können. Clemens Pig steht damit vor einer Aufgabe, um die ihn keiner beneidet: Er muss Millionen sparen, ohne Zuschauer, Politik und Gesellschaft zu verprellen. Und das am besten noch vor seinem Dienstantritt.