Langjährige Freunde melden sich nicht mehr, Einladungen zu Zusammenkünften bleiben aus, der Kreis an Bekannten und Freunden wird kleiner: Über solche oder ähnliche Erfahrungen berichten Krebs-Patientinnen und Patienten Eva Sailer regelmäßig. Sailer ist Psychologin bei der Steirischen Krebshilfe und weiß: „Leider geht eine Krebs-Diagnose teilweise noch immer mit sozialer Ausgeschlossenheit einher.“ Dass Finanzminister Markus Marterbauer diese Woche seine Krebs-Erkrankung – er leidet an einem Lymphom – öffentlich gemacht hat, findet Sailer daher „mutig“ und sieht es als einen Schritt, der auch anderen Betroffenen Mut machen kann.
Wie kann es aber sein, dass die Diagnose Krebs, die in Österreich jedes Jahr rund 48.000 Menschen erhalten, noch immer ein Stigma für Betroffene bedeutet? Psychologin Sailer erklärt das vor allem mit Berührungsängsten: Einerseits löse eine solche Diagnose Gedanken an die eigene Endlichkeit aus – oder die Sorge, selbst zu erkranken. Andererseits wirft die Diagnose für Angehörige und Freunde die Frage auf: Wie gehe ich damit um? Welche Fragen darf oder soll ich stellen? Was soll ich denn sagen?
Krebs: Wenn sich alle Gespräche nur darum drehen
„Ich plädiere immer für Offenheit und den Perspektivenwechsel“, betont die Psychologin. Perspektivenwechsel bedeutet: Welchen Umgang würde ich mir wünschen, wenn ich in der Situation wäre? Und es ist laut Sailer vielleicht der beste Weg, die oder den Betroffenen einfach zu fragen: Ist es in Ordnung für dich, wenn ich Fragen zu deiner Erkrankung stelle? Denn dann haben Betroffene eben auch die Möglichkeit zu sagen: Nein, eigentlich möchte ich gerade nicht darüber sprechen.
Denn oft komme es auch vor, dass Krebspatienten auf ihre Erkrankung reduziert werden: Alle Gespräche drehen sich nur noch um das eine Thema. „Betroffene erzählen mir, dass ihr Umfeld nur noch ‚zuwijammert‘, was eine zusätzliche Belastung sein kann“, sagt Sailer. Sie plädiert für Mitgefühl statt Mitleid: „Ich fühle mit dir, ich kann aber auch weiterhin mit dir lachen und über Alltägliches quatschen“, sagt Sailer. Denn auch nach der Diagnose Krebs ist die- oder derjenige noch immer ein facettenreicher, vielfältiger Mensch – vielmehr als eine Diagnose.
Krebs in der Politik: Sie machten ihre Erkrankung öffentlich
Diese Erfahrung hat auch die ehemalige Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky gemacht, die schon zweimal an Krebs erkrankt ist. Im Interview mit der Kleinen Zeitung sagte sie: „Ich weiß aus eigener Erfahrung: Die einen lassen Mitleid mitschwingen, die anderen schätzen ab, wie viel Zeit dir noch bleibt. 2050 wird Krebs etwa die Hälfte der Bevölkerung betreffen: Es ist dringend notwendig, dass nicht nur die Angehörigen, sondern die Gesellschaft mit dieser Diagnose umzugehen lernt.“
Krebs: Nicht an jedem Tag stark sein
Das „Zuwijammern“ ist das eine, die ständige Aufforderung, zu kämpfen und positiv zu bleiben, das andere: „Niemand muss und kann jeden Tag positiv denken und stark sein“, sagt Psychologin Sailer – wenn Betroffene diese Aufforderung ununterbrochen aus ihrem Umfeld hören, kann das großen Druck erzeugen. „Jede und jeder darf auch schlechte Tage haben und die Welt verfluchen“, betont Sailer. Für das Umfeld kann es schwierig sein, einen geliebten Menschen leiden zu sehen – aber genau solche Momente gemeinsam aushalten zu können, zeige große Verbundenheit.
Kommunikation und offene Gespräche sind laut Sailer ohnehin der Schlüssel: „Wenn ich nicht weiß, wie ich mit der Situation umgehen soll oder wie ich helfen kann, kann ich das auch genauso sagen.“ Zum Beispiel mit dem Satz: Ich möchte für dich da sein – was brauchst du gerade? Aber: Eine schwere Erkrankung kann auch eine Zäsur im Leben darstellen, in der sich für viele Betroffene zeigt: Welche Menschen tun mir gut, stehen zu mir und welche tun das eben nicht?