2015 hatte bei der vergangenen Margarethener "Tosca" Robert Dornhelm mit einer überdimensionalen Engelsfigur als Spielfläche für ein bleibendes Bild gesorgt. Dies ist heuer nicht das Ziel von Thaddeus Strassberger, der im burgenländischen Opernhotspot bereits eine "Aida" und eine "Turandot" vorgelegt hatte, die durchaus auf Bühnenzauber setzten. Beim Kammerspiel der "Tosca", das die 24 Stunden des Kampfes der Sängerin Tosca um das Leben ihres inhaftierten Geliebten Cavaradossi gegen den despotischen Polizeichef Scarpia zeigt, verzichten Strassberger und sein Team hingegen weitgehend auf Glamour und Konfetti.

Das steinige Rund dominieren Trümmer barocker Kirchenwelten - die Welt Roms ist im Konflikt zwischen Republik und monarchistischer Unterdrückung zerstört. Katholische Symbolik und altargleiche Tableaux vivants dominieren. Die Engelsburg kommt hier nicht vor - und folgerichtig auch nicht der letale Sprung der Tosca am Ende von deren Zinnen. Bei Strassberger wird die Rachefurie am Ende in Bühnennebel getaucht, gleichsam als Apotheose.

Zuvor hatte der 49-jährige Regisseur die Sängerin entgegen der Puccini-Vorlage gleich zur Mehrfachmörderin gemacht, die nach dem Mord am Polizeichef auch noch eine von Scarpias Wachen tötet. Diese Weitung des Tosca-Charakters setzte mit Joyce El-Khoury eine Margarethen-Veteranin um, die hier doch 2023 schon als Carmen zu erleben war, bei Puccini nun aber eine gewisse Schärfe im Timbre nicht verleugnen kann.

Eine Steigerung im Verlaufe des Abends legte indes der chinesische Tenor Yongzhao Yu bei seinem Österreichdebüt als Cavaradossi hin, der sich vom anfänglich ausgreifenden Vibrato und Forcieren zu einem mehr als soliden "E lucevan le stelle" hinentwickelte. Und schließlich lieferte der armenische Bariton Gevorg Hakobyan einen vielleicht nicht angsteinflößenden, aber doch sehr profunden Erzbösewicht Scarpia ab. Gemeinsam setzte man auf Kammerspiel im gigantischen Bühnenareal.

Aber auch wenn man sich heuer etwas in Eventabsenz übt, St. Margarethen bleibt "die schönste Freiluftbühne Europas" (Stefan Ottrubay als Vorsitzender der verantwortlichen Esterházy-Stiftungen) oder gar "eine der schönsten Freiluftbühnen der Welt" (Intendant Daniel Serafin). Und die wollte sich am Mittwoch auch nicht Burgenlands Landeshauptmann Hans Peter Doskozil (SPÖ) entgehen lassen, der nach seiner Kehlkopfentfernung Ende Juni seine erste Regierungssitzung geleitet und nun den ersten großen öffentlichen Auftritt hatte - noch ohne offizielle Wortspende.

Kommendes Jahr folgt dann der nächste Italohit im Steinbruch. Nach 2017 ist wieder einmal Verdis "Rigoletto" zu sehen - erneut mit dem Leadingteam der "Tosca".

(S E R V I C E - "Tosca" bei den Opernfestspielen von St. Margarethen. Regie/Bühne: Thaddeus Strassberger, Musikalische Leitung: Valerio Galli, Kostüme: Giuseppe Palella, Licht: Driscoll Otto. Mit Tosca - Joyce El-Khoury/Celine Byrne/Melissa Purnell, Cavaradossi - Yongzhao Yu/Bror Magnus Tødenes/Adorján Pataki, Scarpia - Gevorg Hakobyan/Hansung Yoo/Marco Caria, Angelotti/Schließer - Volodymyr Morozov/Zoltán Nagy, Sagrestano/Sciarrone - Ivan Zinoviev, Spoletta - Michał Prószyński/Peter Kirk. Weitere Aufführungen von 16.-18. Juli, 23.-26. Juli und 29. Juli-1. August sowie von 5.-8. August, 13.-16. August und 19. bis 22. August. www.operimsteinbruch.at/ )