In der jüngeren Geschichte Frankreichs war er der wohl schillerndste Hausherr im Élysée-Palast, kultiviert, geschichtsbewusst und weltoffen, ein kühner Bauherr und großer Europäer, zugleich aber doppelbödig und voller Widersprüche, hochmütig und gerissen, ein „Magier der Macht“ (NZZ) und politischer Verführer. Erst nach seinem Tod erfuhren seine Landsleute, dass „Tonton“ (Onkelchen), wie sie François Mitterrand, den ersten Sozialisten der Fünften Republik im Staatspräsidentenamt, liebevoll nannten, ihnen nicht nur seine Zweitfamilie verheimlicht, sondern sie auch 14 Jahre lang vorsätzlich über seinen Gesundheitszustand getäuscht hatte.
Mehr oder weniger seine ganze zwei Mandate umfassende 14-jährige Amtszeit lang verbarg er vor ihnen einen bösartig metastasierenden Prostatakrebs, der bereits kurz nach seinem Amtsantritt im Jahr 1981 mit einer prognostizierten Lebenserwartung zwischen sechs Monaten und drei Jahren an ihm diagnostiziert worden war, und führte die Öffentlichkeit mit frisierten ärztlichen Bulletins in die Irre. Wenige Monate nach seinem Ausscheiden aus dem Amt erlag er seinem Leiden.
Hätten die Franzosen Mitterrand im Wissen, dass er dem Tod geweiht war, 1988 als Staatsoberhaupt bestätigt? Ich weiß es nicht. Aber ich erinnere mich noch gut an den Winterabend im Februar 1992, als ich gemeinsam mit Freunden an einer Schule in der französischen Provinz die Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Albertville im Fernsehen verfolgte, gebannt von diesem kleinen Mann mit dem blassen Gesicht und den Allüren eines Monarchen, der von seinem republikanischen Amt und der ihm innewohnenden Idee von Größe durchdrungen war. Aber vielleicht bezog er genau daraus seine Kraft, vielleicht war es auch nur die Macht, die ihn am Leben erhielt und die er bis zur Neige auskosten wollte.
Eine neue Kultur des Umgangs
Mitterrand war nicht der erste und einzige Politiker, der eine schwere Erkrankung geheim hielt. Österreichs „Sonnenkönig“, Bruno Kreisky, war Dialysepatient und musste sich in den letzten Jahren seiner Kanzlerschaft (1970–1983) mehrmals in der Woche einer Blutwäsche unterziehen. US-Präsident John F. Kennedy war zum Zeitpunkt seiner Ermordung 1963 im texanischen Dallas ein körperliches Wrack. Helmut Schmidt, von 1974 bis 1982 deutscher Bundeskanzler, gab viele Jahre später freimütig zu, während seiner Amtszeit häufig das Bewusstsein verloren zu haben. „Ich bin wahrscheinlich an die hundert Mal besinnungslos vorgefunden worden. Meistens nur wenige Sekunden, manchmal aber auch Minuten. Das haben wir mit Erfolg verheimlicht – und es hat mich nicht daran gehindert, meine Pflicht als Regierungschef zu tun“, erzählte der Hochbetagte 2014 auf einer Konferenz der Wochenzeitung „Die Zeit“.
Diese Liste ließe sich lange fortsetzen, wobei seit geraumer Zeit ein Gesinnungswandel festzustellen ist. Mit der öffentlichen Bekanntgabe seiner Tumorerkrankung dieser Tage fügt sich Finanzminister Markus Marterbauer in eine ganze Reihe von Politikerinnen und Politikern ein, die mit gesundheitlichen Problemen offensiv umgehen. Für Österreich stellvertretend seien hier die ehemalige Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser, die 2015 ihre Krebsdiagnose öffentlich machte, aber auch Burgenlands Landeshauptmann Hans-Peter Doskozil genannt, der recht ungezwungen mit seiner Kehlkopferkrankung umgeht.
Ist es eine Generationenfrage? Oder sind die gestiegenen Standards für Transparenz in unserer immer demokratischeren Gesellschaft gestiegen? Zu dieser neuen Kultur des Umgangs mit Erkrankungen gehört auch das Eingestehen psychischer Schwierigkeiten, sichtbar geworden am Rücktritt von Gesundheitsminister Rudolf Anschober im April 2021 während der Pandemie und des temporären Rückzugs des Vorarlberger Landeshauptmanns Markus Wallner etwas mehr als ein Jahr später, in beiden Fällen infolge eines Burnouts. Politiker dürfen Schwäche zeigen.
Für Medien ist jede Berichterstattung über die Krankheiten von Politikern ein Offenbarungseid, und nicht immer gelingt es, hier einen angemessenen Ton zu wahren und die richtige Balance zwischen öffentlichem Interesse und der Privatsphäre der jeweils Betroffenen zu finden. Der hier einzig und allein gültige Maßstab dafür, was berichtenswert ist und was nicht, ist und bleibt die politische Relevanz, meint mit besten Genesungswünschen an Finanzminister Mark Marterbauer und mit herzlichen Grüßen an Sie
Stefan Winkler