Wohl keine WM-Begegnung vermag so viel an Emotionen aufzurühren wie diese. Wenn am Mittwoch England antritt gegen Argentinien, können Spieler und Fans nur schwer die Geschichte ignorieren, die eine solche Partie überschattet bis zum heutigen Tag. Erste Anzeichen dafür gab es schon beim Viertelfinalspiel Englands gegen Norwegen am vorigen Samstag, bei dem kleine Gruppen argentinischer Zuschauer in ihren hellblauen Trikots das England-Team lautstark anfeuerten. Nicht, weil sie irgendwelche Sympathien für „die Engländer“ verspürt hätten, sondern „weil wir England selbst schlagen wollen, in der nächsten Runde“, wie sie verblüfften britischen Reportern erklärten. Dieses Recht wollten sie sich vorbehalten. England vernichtend zu besiegen, fiel ihnen, nicht den Wikingern, zu.

„Die hassen uns doch“, hörte man bei dieser Gelegenheit einen Fan im englischen Lager klagen. „Die singen gemeines Zeug über uns. Die verfluchen uns immerzu. Und wir? Wir versuchen, bei diesem Turnier mit unseren eigenen Dämonen fertig zu werden.“ Mit den „Dämonen“ gemeint ist natürlich die Erinnerung an den zweimonatigen Krieg von 1982 zwischen beiden Ländern um die Falklandinseln. Die Schlacht, in der eilends zusammengetrommelte britische Truppen die Inseln zurückeroberten, die die argentinische Junta unter General Galtieri überfallen und besetzt hatte, weil „die Malvinas“ für die Argentinier argentinisch waren, und das „für allezeit“.

Die „Hand Gottes“ von Maradona spielt eine Rolle

649 argentinische und 255 britische Soldaten sowie drei Falkländer kostete der Krieg damals das Leben. Bitterste Gefühle auf beiden Seiten schuf der Konflikt auf Jahre hin. Als bei der Mexiko-WM vier Jahre später Englands und Argentiniens Fußballer erstmals wieder aufeinandertrafen, fürchteten die Veranstalter, dass die Sache schlimm enden würde. Schon vor dem Spiel kam es zu Krawallen vorm Stadion und in mehreren Bars.

Letztlich führte das Ganze aber nur zum damaligen sportlichen Triumph der „Argies“, den Diego Maradona seinem Land bescherte – mit der Hilfe der „Hand Gottes“, die ihm das erste Tor erlaubte, und einem Dribbellauf, der in die Geschichte einging und mit dem zweiten Tor das Spiel entschied. Nach dem Match konnte sich Maradona eines Kommentars freilich nicht enthalten: „Obwohl wir vor dem Spiel gesagt hatten, dass Fußball nichts mit dem Krieg um die Malvinas zu tun habe, wussten wir ja, dass sie eine Menge argentinischer Jungs getötet haben, sie getötet haben wie kleine Vögel. Und das war unsere Rache dafür.“

Vierzig Jahre später ist das Bedürfnis, die alten Gegner zu demütigen, offenbar nicht ganz verschwunden. Videos aus dem argentinischen Umkleideraum bei der jetzigen WM, die der Argentinische Fußballverband ins Netz stellte, zeigen das Team beim Singen des Kampflieds „Wir sind Argentinier von der Wiege bis ans Grab“. Sie zögen aufs Feld „für die Malvinas, für Diego und für Leos (Lionel Messis) letztes Kapitel“ in diesem ruhmreichen Feldzug – man weiß schon, in England, gegen wen. In der Tat sind die Inseln im Südosten Argentiniens just in diesem Sommer wieder in die Schlagzeilen geraten. Reiche Ölfunde vor den Falkland-Küsten, deren Ausbeutung jetzt zum Nutzen der Falkländer vorbereitet wird, haben die Argentinier erneut in Rage gebracht.

Schon im April, am „Malvinas-Tag“, erklärte der argentinische Präsident Javier Milei, die Briten könnten sich nicht einfach „an Quellen heranmachen, die Argentinien gehören“. Er werde, warnte Milei, „alle mir zur Verfügung stehenden Mittel ausschöpfen“, um das zu verhindern. Wobei er einstweilen allerdings nur von diplomatischen und rechtlichen Mitteln sprach. Bestärkt durfte sich Milei jedenfalls fühlen durch die gleichzeitige Warnung des Pentagon, die USA könnten ihre bislang neutrale Position in Sachen Falklandinseln aufgeben und den Anspruch Argentiniens auf die britischen Besitzungen im Südatlantik unterstützen – zur Vergeltung für mangelnde Unterstützung Washingtons durch London im Krieg der USA gegen Iran.

Irritiert versicherte die britische Regierungszentrale, die Souveränität der Falklands stehe „überhaupt nicht zur Debatte“. Dagegen meinte Javier Milei: „Die Malvinas waren und sind argentinisch und werden es immer bleiben. Lang lebe die Freiheit, verdammt nochmal.“

Unterdessen versuchte der argentinische National-Cheftrainer Lionel Scaloni diese Woche bei der WM verzweifelt, die Temperatur um ein paar Grad zu senken und den „Dämonen“ nicht das Feld zu überlassen. Das Ganze, meinte Scaloni, sei schließlich „bloß ein Fußballspiel“. Und die Engländer, unter ihrem „hervorragenden“ Trainer Thomas Tuchel, seien einfach „äußerst starke Gegner“: „Es ist nur ein Spiel – und sonst nichts.“

Dem stimmte Briten-Premier Sir Keir Starmer, dessen eigene Spielzeit gerade ausläuft, flugs zu. Beim Fußball, beschwor Starmer beide Seiten, sollte es „wirklich nur um ein Spiel gehen – und darum, Menschen zusammenzubringen“. Was in diesem Fall freilich nicht so einfach ist.