Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser!

Joghurt, Pudding, Brot, Müsli oder sogar Chips. Die Anzahl an Produkten in Supermarktregalen, die mit einer Aufschrift „High Protein“, „Proteinquelle“ oder „reich an Protein“ versehen ist, wird ständig größer und vielfältiger. Der Markt für eiweißreiche Produkte boomt, an jeder Ecke kann die nächste Proteinbombe versteckt sein – auch wenn viele Ernährungsexperten solche oft teuren High-Protein-Produkte für weitgehend überflüssig halten, weil man durch den vielfältigen Konsum herkömmlicher Lebensmittel eigentlich genug Eiweiß zu sich nehmen würde. Aus Fitnessstudios ist das Wundermittel für den Muskelaufbau seit Jahrzehnten nicht wegzudenken.

Das Thema ist so relevant geworden, dass die EU vor wenigen Tagen sogar einen sogenannten Protein Action Plan vorgestellt hat. Hintergrund dieser Initiative ist freilich nicht Bizepsumfang, Trainingseifer oder Ernährungsgewohnheiten von EU-Bürgerinnen und EU-Bürgern, sondern das Hungergefühl von Schweinen, Kühen und Hühnern. Die ausreichende Verfügbarkeit von Eiweißfutter ist zu einer geopolitischen Frage der Versorgungssicherheit für Europa geworden. Manch einer bezeichnet Protein mittlerweile gar als „das neue Gold“ oder „das neue Erdöl“. Vom Bizeps bis zum Bauernhof könnte man auch sagen. Aktuell ist der Proteinplan auf der Agenda des zweitägigen Treffens der EU-Landwirtschaftsminister im Agrar- und Fischereirat (AGRIFISH) in Brüssel. Der Plan sieht vor, dass der Anteil europäischer Eiweißpflanzen und Ölsaaten im Tierfutter bis 2035 von derzeit nur 25,8 auf 35 Prozent steigt.

Diese Zahlen zeigen, wie stark Europas Tierhaltung bis dato von importiertem Eiweißfutter, vor allem aus Brasilien, Argentinien und den USA, abhängig ist. Diese Abhängigkeit, besonders bei Sojaschrot, wird langsam, aber sicher als strategisches Risiko gesehen, auch aufgrund der Erfahrungen mit Pandemie, Ukrainekrieg und Nahostkrise. Deshalb sollen mehr Soja, Erbsen, Bohnen oder Lupinen in Europa angebaut werden. Auf ein gewisses Protein-Paradox stößt man dabei jedoch schon: Europa produziert große Mengen pflanzlicher Futtermittel in Form von Gras oder Getreide ohnehin selbst – an hochkonzentriertem Eiweißfutter mangelt es jedoch. Die Agrarminister haben auch gleich noch einen potenten, potenziellen Protein-Partner ausgemacht: Die Ukraine soll künftig helfen, Europas Eiweißversorgung unabhängiger zu machen. Bertolt Brechts „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ taugt also auch als agrarpolitische Maxime.

Einen produktiven Dienstag wünscht,

Wolfgang Fercher