Es gibt gewisse Dinge in Wimbledon, die sind einzementiert. Zumindest war das einmal so. So ist etwa jene Tradition unumstößlich, dass der Titelverteidiger am ersten Turnier-Montag mit seinem Auftaktmatch den Center Court eröffnet. Auch seit der Premiere 1887 nicht zu hinterfragen war die Beginnzeit der Endspiele am finalen Wochenende: 15 Uhr MEZ – keine Minute vorher, keine Minute nachher. Seit 2025 ticken die Uhren im Tennis-Mekka allerdings anders: So wuchten Titelverteidiger Jannik Sinner und Herausforderer Alex Zverev heute erst ab 17 Uhr die Bälle übers Netz. Ein Traditionsbruch, der bereits am Vortag beim Damenfinale seine Anwendung fand.

Die Gründe für dieses Sakrileg: Einerseits will man die Doppel-Endspiele (gestern das der Männer, heute das der Frauen), die vor den Einzelfinali gespielt werden, näher Richtung Mittelpunkt rücken. Zweitens wurde das Doppel bis 2025 erst nach dem Einzel-Endspiel und der dazugehörigen Siegerzeremonie ausgetragen – das passierte dann oft spät abends und quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Und drittens nähert man sich mit der Verschiebung der Single-Endspiele der Primetime, was noch mehr TV-Zuseher rund um den gesamten Globus (in Los Angeles ist es 8 Uhr, in Sao Paulo 12 Uhr, in Johannesburg 17 Uhr) und damit zusätzliche Einnahmen in die Kassen spült. Ein wichtiger Schritt auch aus Sicht der BBC, die in den vergangenen Jahren hinsichtlich TV-Zuschauern in Wimbledon einen Abwärtstrend verzeichnet hat.

Neun Niederlagen am Stück

Österreich bekommt den Knüller zwischen Sinner und Zverev heute um 17 Uhr auf Amazon Prime serviert. Geht man nach der Statistik, kann nur der Südtiroler als Sieger aus dem Duell der Nummern eins und zwei des Turniers und der Welt hervorgehen, hat er doch die letzten neun Aufeinandertreffen mit dem Deutschen für sich entschieden. Die Bilanz für Zverev ist niederschmetternd: Bei den neun Niederlagen reichte es für ihn nur zu zwei Satzgewinnen, die ungleiche Aufteilung der eroberten Games lautet 127:76.

Viel spricht also nicht für den gebürtigen Hamburger, der in seinem insgesamt fünften Grand-Slam-Finale steht (bei Sinner ist es das Sechste), wäre da nicht der Triumph bei den French Open gewesen. Lange galt „Sascha“ als der Unvollendete, fehlte dem Olympiasieger doch noch eine Major-Trophäe in seiner Erfolgssammlung. Mit dem Coup in Roland Garros hat er dieses Kapitel nun endlich abgeschlossen und kann befreit aufspielen. Ein Bonus, den man nicht unterschätzen darf und den Gegner Sinner auch nicht unterschätzen wird.

Die Herzdame kommt erst am Abend

„Ich muss daran glauben, dass ich gewinnen kann“, impfte sich Zverev vor dem Finale selbst ein. Doch vertraut der 29-Jährige nicht nur auf seine spielerischen Künste, sondern setzt auch auf Aberglauben. Bei seinem Paris-Triumph saß Freundin Sophia Thomalla nicht im Publikum, weil sie zeitgleich einen Dreh in Köln hatte. Erst zur abendlichen Siegerparty reiste sie per Zug an. In Wimbledon wiederholt sich nun die Geschichte: Seine Herzdame fehlt erneut, weil sie arbeiten muss und wird erst heute Abend mit nach London jetten. Fixiert wurde das Ganze offensichtlich schon vor mehreren Wochen, denn Zverev hält sich an seine selbstauferlegte, eiserne Regel, während eines Grand-Slam-Turniers das Handy ausnahmslos abzudrehen. Wie der 25-fache Turniersieger, der als erster Deutscher seit Michael Stich 1991 auf dem „Heiligen Rasen“ triumphieren könnte, im Notfall erreichbar sei? Über sein Team.

Auf der anderen Seite des Netzes will Sinner heute den Partycrasher spielen. Dabei baut der 24-Jährige, der nach seinem fünften Major-Titel greift, auch auf das Service. An dem hätten er und sein Team zuletzt viel gearbeitet. Mit Erfolg – die Quote an gewonnenen Punkten beim ersten Aufschlag liegt bei Sinner in Wimbledon bei beeindruckenden 85 Prozent. Ein Turnier-Bestwert sind die 20,3 Asse pro Match, die er seinen Gegnern in den vergangenen zwei Wochen um die Ohren geschossen hat. Nur bei den gewonnenen Aufschlagspielen (94 Prozent) liegt Zverev (95) vor ihm. Der Sieg in Wimbledon führt also über ein funktionierendes Service – auch noch 2026.