Es ist ein Szenario, das Eltern im Bezirk Deutschlandsberg schaudern lässt: Mit dem Abgang der letzten Kassenkinderärztin im März 2025 und einer seit Jahren unbesetzten zweiten Stelle steht die kinderärztliche Versorgung vor einer Krise. Als Rettungsanker initiierten Land, Gesundheitsfonds und Kages Anfang 2026 die Kindergesundheit Deutschlandsberg am LKH Südweststeiermark – mit einer 20-stündigen Kassenstelle. Doch reicht diese Struktur aus, um den Bedarf zu decken?
Genau an diesem Punkt setzte Kleine Zeitung-Redakteurin Barbara Mikschofsky zur Eröffnung des Formats „Reden wir“ am Mittwochabend in der Stadtgalerie von Deutschlandsberg an. Auf dem Podium trafen die Sorgen der betroffenen Mütter Petra Korp und Tamara Carbonari auf das Fachwissen des pensionierten Deutschlandsberger Kinderarztes Georg Breisach sowie dem Verantwortlichen für das Kages-Projekt und Leiter der Kinder- und Jugendheilkunde am LKH Hochsteiermark Reinhold Kerbl. Gemeinsam mit mehr als 20 Gästen, darunter auch Vertretern der Regionalpolitik wie Hausherr Bürgermeister Josef Wallner, wurde intensiv debattiert.
40 Minuten Fahrt für ein krankes Kind
„Was tun, wenn kein Facharzt in der Nähe ist?“, fragte Co-Moderatorin Eva Brutmann die Mütter. Tamara Carbonari, zweifache Mutter aus Bad Gams, berichtete von einer zermürbenden Suche. Diese führte sie und Petra Korp, Mutter von drei Kindern aus St. Peter im Sulmtal, bis nach St. Oswald ob Eibiswald zu Rudolf Bauer – einem Allgemeinmediziner, der sich auf Säuglinge, Kinder und Jugendliche spezialisierte. „Meine Kinder fühlen sich bei ihm sehr wohl“, erzählt Carbonari.
Die bittere Kehrseite: Wenn das Kind fiebert, bedeutet das 40 Minuten Fahrzeit. Der Wunsch beider Mütter war unmissverständlich: Sie fordern einen echten, im Bezirk ansässigen Kinderarzt.
Die 20-Stunden-Kraft der Kindergesundheit Deutschlandsberg würde laut Georg Breisach das Problem nicht lösen: „Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein.“ Er sieht die Ursachen des Problems im System selbst. „Ganz oben sind Leute am Werk, die keine Ahnung davon haben, was da draußen am Land passiert“, meint er. Das Gehalt für Fachärzte am Land stimme nicht. Auch die Arbeitsmoral der angehenden Ärzte-Generation sei anders – ständige Erreichbarkeit, wie er sie in seiner Zeit als Kinderarzt pflegte, sei nicht mehr zu erwarten.
Reinhold Kerbl verteidigte das Modell zumindest als wichtigen Zusatz – in etwa 15 Kinder würden pro Tag behandelt werden. „Das ist aber noch nicht genug“, meint er. Kerbl, der das Modell nach dem Vorbild von Liezen nach Deutschlandsberg brachte, beschrieb die harte Realität auf der Suche nach einem weiteren Kassenarzt für die Kindergesundheit Deutschlandsberg. „Wir haben lange gesucht, aber bis jetzt einfach niemanden gefunden.“ Kritik gab es auch am Eignungstest für das Medizinstudium – dieser würde potentiell engagierte Ärzte ungerechtfertigt aussortieren.
Digitale Hoffnung gegen Ohnmacht
„Hat das klassische Modell des Kinderarztes überhaupt noch Zukunft?“, richtete sich Brutmann an die Mütter. Korp glaubt nicht mehr an eine Trendwende: „Ich denke, es wird eher darauf hinauslaufen, dass man ins LKH fährt.“ Carbonari erwarte sich keine permanente Erreichbarkeit, jedoch Verlässlichkeit zu den Kernzeiten. Als Mikschofsky das Publikum per „Ja/Nein“-Kärtchen zur selben Frage abstimmen ließ, stimmte die Mehrheit mit „Nein“.
Dennoch wagte man einen Blick nach vorn – für Kerbl liege die Zukunft in der Telemedizin. „Wir wollen schon lange die Telefonnummer 1451 einrichten, wo Eltern Beschwerden ihrer Kinder schildern können“, erklärte er. Damit ließe sich eine effektive Vorselektion treffen. Breisach pflichtete ihm bei: „95 Prozent der Kinder werden von selbst wieder gesund – es geht darum, jene herauszufiltern, die akut Hilfe benötigen.“ Wenige gezielte Fragen am Telefon von Experten würden genügen, um Entwarnung zu geben. „Wer 1450 wählt, wird oft zu schnell an ein Kinderklinikum verwiesen, weil man sich mit Kindergesundheit nicht so gut auskennt“, so Kerbl. Obwohl die ÖGK das Projekt bestätigt habe, warte man bis heute auf den Startschuss.