Eine Rote Karte, die um die Welt ging. Ein Zweikampf, der plötzlich weit mehr war als eine Szene auf dem Fußballplatz. Als US-Stürmer Folarin Balogun nach seinem Foulspiel vom Platz gestellt wurde, entwickelte sich der Vorfall zu einem internationalen Diskussionsthema – bis hin zur politischen Bühne. US-Präsident Donald Trump schaltete sich öffentlich ein und kritisierte die Entscheidung, FIFA-Präsident Gianni Infantino wurde zum Adressaten der Debatte. Mitten im weltweiten Medienrummel stand Tarik Muharemović.
Für den 23-jährigen Bosnier mit Kärntner Wurzeln wurde aus einer Spielsituation ein Moment, der seine Bekanntheit schlagartig auf ein neues Niveau hob. „Ich bin einfach nur dankbar, gut davongekommen zu sein. Ich hatte Tränen in den Augen, weil ich dachte, es ist etwas Schlimmeres. Gott sei Dank war alles gut. Für mich ist ein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen. Ich glaube, etwas Größeres zu spielen, gibt es nicht. Ich bin sehr dankbar für diese Zeit und ich weiß, dass das erst der Anfang für unsere Nationalmannschaft ist“, erzählt Muharemović, der am Donnerstagvormittag in Wien gelandet ist und am Abend von Kindern in einer Moschee in Klagenfurt herzlich empfangen und beschenkt wurde. „Das IKC-Klagenfurt (Anm. Islamisches Kulturzentrum) hat ein Willkommenstreffen für mich organisiert und da bin ich mit Herz hingegangen.“
„Vertraut mir, eines Tages schaut mir Klagenfurt hier zu“
Kaum etwas verdeutlicht die Dynamik des Fußballs besser als seine eigene Geschichte. Während er die Fußball-Europameisterschaft 2024 am Klagenfurter „Neuen Platz“ noch als Fan verfolgte und mitfieberte, stand er nur zwei Jahre später selbst im Rampenlicht: Der Abwehrspieler feierte bei der Weltmeisterschaft sein Debüt und erfüllte sich damit einen Traum, von dem unzählige Fußballer ihr Leben lang träumen. „Ich habe damals mit meinen Freunden den Superstars Kenan Yilidz und Dean Huijsen zugeschaut und anschließend zu ihnen gesagt: Vertraut mir, eines Tages schaut mir Klagenfurt hier zu.“ Gesagt, getan!
Doch wie begann eigentlich seine Reise? Mit fünf Jahren schnürte Muharemović („Papa war schuld, dass ich angefangen habe“) erstmals für Austria Kärnten die Fußballschuhe, ehe ihn sein Weg über die Nachwuchsakademie des WAC bis in die Kampfmannschaft führte. Sein Bundesligadebüt feierte der Innenverteidiger mit 18 Jahren gegen Salzburg. „Von da weg hat sich mein Leben schlagartig verändert.“ Lange blieb sein Talent nicht unentdeckt. Nach der Einberufung ins bosnische U19-Nationalteam beobachteten ihn zahlreiche europäische Spitzenklubs aus der Türkei, Portugal, Spanien und Italien. Das Rennen machte schließlich Juventus Turin, wo er in der „Next Gen“ sein großes Potenzial aufblitzen ließ.
„Cristiano hatte wohl Angst vor mir“
Die drei Jahre in Turin haben ihn sportlich wie menschlich geprägt. Allein in ein neues Land zu ziehen, sei eine Herausforderung gewesen – eine, die er mit derselben Entschlossenheit annahm, die ihn auf dem Platz auszeichnet. Eine Begegnung mit Superstar Cristiano Ronaldo blieb ihm allerdings verwehrt. „Ich kam zu Juve, drei Tage später ging er. Er hatte wohl Angst vor mir“, sagt er lachend. Dafür trainierte er mit Weltstars wie Paul Pogba, Paulo Dybala und Ángel Di María sowie unter Erfolgscoach Massimiliano Allegri. „Das war der Wahnsinn. Gleichzeitig weißt du als junger Spieler, dass du dort nur eine ganz kleine Nummer bist.“
Wer Muharemović fragt, wie er wirklich tickt, sollte auf eine diplomatische Antwort nicht hoffen. „Ich bin ein schlechter Verlierer. Ich hasse es zu verlieren.“ Eine Aussage, die wohl jeder Gegenspieler sofort unterschreiben würde. Ehrgeiz, Kampfgeist und Teamgeist prägen sein Spiel. Abseits des Rasens zeigt sich jedoch eine andere Seite: „Privat bin ich ein gechillter, lustiger Typ.“ Wenn gerade kein Ball über den Fußballplatz rollt, tauscht er die Fußballschuhe gerne gegen den Golfschläger oder das Padel-Racket – am liebsten in Gesellschaft guter Freunde.
Marktwert von 25 Millionen Euro
Der 1,92-Meter-Hüne, mit einem geschätzten Marktwert von rund 25 Millionen Euro, steht aktuell noch bei Sassuolo unter Vertrag. Wohin ihn sein Weg allerdings als Nächstes führt, dürfte sich trotz des Vertrages bis 2031 demnächst entscheiden – er ist wenig überraschend ein gefragter Mann. Was jedoch feststeht: Der Kicker mit einem Faible für Sneaker („Meine Sammlung ist sehr groß, ich liebe Schuhe und gehe gern shoppen“), dem auf Instagram über 310.000 Menschen folgen, hat den Sprung auf die große Fußballbühne längst geschafft. Und so international seine Karriere inzwischen auch ist – seine Wurzeln hat er nie vergessen. „Ich bin ein Bosnier aus Waidmannsdorf. Kärnten ist meine Heimat, Klagenfurt mein Zuhause. Meine Familie und meine Freunde leben hier“, sagt Muharemović, der zuletzt eine Woche mit seinen Teamkollegen Los Angeles inspizierte und demnächst mit der Familie und Freunden in Kroatien etwas Abstand vom Fußballalltag gewinnt.
Die Weltmeisterschaft hat ihn über Nacht ins internationale Rampenlicht katapultiert. Viel wichtiger als diese eine Szene ist jedoch die Geschichte dahinter: Ein kompromissloser Innenverteidiger, der sich mit Talent, harter Arbeit und einer gehörigen Portion Ehrgeiz seinen Kindheitstraum erfüllt hat. Und wenn man ihm zuhört, entsteht der Eindruck, dass dieses Kapitel erst der Anfang einer noch größeren Geschichte sein könnte.