Ein kleines Bauernhaus in den Hügeln der Südoststeiermark. Die Sonne wärmt schon früh am Vormittag, es ist ruhig, die Grillen zirpen, in der Ferne kräht ein Hahn. Der Ausblick auf den nahen Weinort St. Anna am Aigen ist kitschig schön.
Im Garten vor dem Haus herrscht pflanzliche Multikulturalität. Ein riesiger Nussbaum spendet Schatten, alte Obstbäume findet man ebenso wie eine Libanon-Zeder, einen Feigenbaum oder Granatapfelbäume. „Diese Pflanzen habe ich alle von Reisen ins Heilige Land mitgenommen“, verrät der Hausherr.
Entspannt sitzt der Salzburger Erzbischof Franz Lackner auf der Holzbank vor dem Haus. Hier in dieser ländlichen Idylle verbrachte Salzburgs Oberhirte seine Kindheit und Jugend. Das Bauernhaus ist sein Elternhaus. Die spärliche Zeit daheim in St. Anna am Aigen genießt er, das sieht man. „Ich kehre immer sehr gerne hierher zurück“, plaudert Lackner aus, „weil das auch ein Ort ist, an dem wir unsere Fehler gemacht und über die Schnur gehauen haben.“
Der Erzbischof plant die Rückkehr in die Heimat
„Herkunft schafft Zukunft“, sagt Franz Lackner. Und diese seine persönliche Zukunft könnte hier sein. Und das schon recht bald, wie der Erzbischof, der am 14. Juli seinen 70. Geburtstag feiert, verrät. „In fünf Jahren kann ich um Pension ansuchen. Und ja, es gibt den Gedanken, hierher zurückzukehren, wo man herkommt.“ Nachsatz: „Die Wahrscheinlichkeit ist nicht so gering. Ich mag die Leute hier, sie kennen mich, ich kenne sie. Heimat hat für mich eine Bedeutung.“
Dabei war seine Kindheit entbehrungsreich. „Wir waren arm“, sagt Lackner. Die vier Hektar große Landwirtschaft ernährte die Eltern und fünf Kinder mehr schlecht als recht. Der Vater behielt zeitlebens die Mentalität eines Knechtes, der er in jungen Jahren war. Zwei Kühe habe man laut Lackner in der Regel gehabt, fünf, sechs Schweine „und einen Haufen Hühner“.
Ein Leben mit viel Angst
Für Idylle war damals kein Platz. „Es war eine Gegend mit Angst, wir hatten viel Angst“, schildert Lackner. „Vor der nahen Grenze zum damaligen Jugoslawien, vor Gewittern, hier war viel von Geistern die Rede und auch der Letzte, der in der Steiermark hingerichtet wurde, trieb hier sein Unwesen.“
Orientierungslos sei er damals gewesen. Lackner erlernte den Beruf des Elektrikers. „Meinen Lohn habe ich manchmal in einer einzigen Nacht verprasst. Dann hatte ich 29 Tage kein Geld“, erinnert sich der Kirchenmann. Er sei, gibt er zu, kein guter Elektriker gewesen und habe „mit Ach und Krach“ die Gesellenprüfung geschafft. Danach war Lackner arbeitslos, verdiente als Gelegenheitsarbeiter sein Geld. Er war etwa beim Bau der UNO-City in Wien Betonierer, dann wieder Staplerfahrer. „Ich bin aber erst nach zwei Monaten draufgekommen, dass der Stapler zwei Gänge hat, die ganze Zeit bin ich nur mit einem Gang gefahren“, erinnert sich der aktuelle Vorsitzende der österreichischen Bischofskonferenz lachend zurück. „Ganz versöhnt habe ich mich mit dieser Zeit noch immer nicht“, gibt er dann aber mit ernster Miene unumwunden zu.
Das Bundesheer brachte Ordnung in das Leben von Franz Lackner
Erst das Bundesheer brachte Ordnung in sein Leben. Lackner ging „aus chronischer Geldnot“ als UNO-Soldat nach Zypern. Auf seinem Beobachtungsposten in der zypriotischen Einöde begann er mit dem Lesen der Bibel. Ein Militärpfarrer, bei dem er damals Rat suchte, riet ihm: „Gib Gott in deinem Leben eine Chance, lass dich überraschen.“ Und Gott überraschte ihn. Nach einem zweiten Einsatz auf Zypern stand der Entschluss fest, Priester zu werden. Lackner ging in ein Seminar für Spätberufene in Horn, machte mit 28 Jahren die Matura, trat dem Franziskanerorden bei, studierte Theologie und wurde 1991 mit 35 Jahren zum Priester geweiht. Danach ging er acht Jahre nach Rom, um Philosophie zu studieren und danach als Professor zu unterrichten.
2002 wurde Lackner, der nie Pfarrer oder Kaplan war, zum Weihbischof in der Steiermark ernannt, 2013 zum Erzbischof von Salzburg.
Jetzt, mit 70, fühle er sich aber „ein bisschen alt“, gesteht Lackner. Seine Stimme wird nachdenklich. „Ich merke es bei den jungen Leuten.“ Das Führen, das Leiten, das gestalterische Wirken, das gehe nicht mehr so leicht von der Hand. „Man muss jetzt die Weichen stellen, dass sich in zehn Jahren dieses oder jenes ändert. Und da spüre ich, dass ich alt bin“, sagt Lackner, der anlässlich seines runden Geburtstages am 11. Juli in St. Anna eine Messe feiert, in einer beeindruckenden Klarheit.
Und natürlich beschäftigt er sich in seinem Alter auch mit dem Tod und dem Sterben. „Und ja, ich habe auch Ängste“, sagt Lackner, „ich habe Angst davor, dass irgendwann das Denken aufhört. Lieber Gott, verschone mich vor Demenz.“
Die Sehnsucht nach einem Einsiedlerleben scheitert an der Angst vor Mäusen
Aber er trage durchaus auch noch Sehnsüchte in sich. Eine dieser Sehnsüchte ist etwa, einige Jahre das Leben eines Einsiedlers zu führen. „Aber ich weiß, das geht nicht, ich habe zu viel Angst vor Mäusen“, verrät Lackner. Und das Schlagen der kleinen Trommel möchte er noch erlernen. Als Fußballer war er einst „blitzschnell und trickreich“, jetzt hält er sich seit einigen Jahren mit Taekwondo fit, trainiert regelmäßig mit einem 85-jährigen Meister aus Südkorea. „Der schwarze Gürtel steht mir bevor“, plaudert Lackner aus.
Drei Dinge aus seiner steirischen Heimat dürfen übrigens auch in Salzburg nicht fehlen. Zu Weihnachten steht in der Bischofskapelle die alte Pfarrkrippe aus St. Anna als Leihgabe. „Wir trinken St. Annarer Wein und der Topf mit Kernöl ist nie leer. Seit 13 Jahren musste ich noch nie eines kaufen. Die Steirer wissen, der braucht ein Kernöl. Das ist eine Quelle, die scheinbar nie versiegt“, sagt Lackner augenzwinkernd. „Wenn das Kernöl ausgeht, dann geht die Welt unter, das wäre ein Zeichen.“