Nein, es geht nicht um den ungehobelt respektlosen blauen Nationalratsabgeordneten, der sich inmitten einer Messe laut bemerkbar machte, weil ihm die Predigt missfiel. Es geht um die Kritik, die FPÖ-Parteichef Herbert Kickl an Tirols Diözesanbischof Hermann Glettler übte und auf die eine Welle an Empörungen folgte. Dabei ist Kritik an Bischöfen in diesem Land nicht unbekannt, sie kam bisher eher von anderer Seite.
Die SPÖ befleißigte sich intensiver Schelte an Kardinälen, Bischöfen und Kirche, wegen deren Haltung etwa in Fragen der Abtreibung, von Frauen- und Familienrechten, Sexualfragen. Die Geistlichen vertraten geltende Grundsätze ihrer Kirche. Kanzler Bruno Kreisky prangerte den angeblich politischen Einfluss der Kirche und die Positionen von Bischöfen an. Wie auch der spätere Bundespräsident Heinz Fischer und andere. Landeschef Erwin Pröll maßregelte einst einen Pfarrer, der es wagte, soziale Ungerechtigkeit und Einkommen der Politiker zu kritisieren und verbat sich „Einmischung in die Tagespolitik“. Für Bischof Glettler ist Kritik von politischer Seite nicht neu – als er die wissenschaftliche Qualität einer Studie über Missbrauch in konfessionellen Heimen hinterfragte, trug ihm das prompt harsche Worte der Landesrätin Eva Pawlata (SPÖ) ein.
Parteien unterliegen scheinbar einem Missverständnis
Manchen Parteien scheinen einem Missverständnis zu unterliegen: sie wähnen die römisch-katholische Kirche und deren Bischöfe als Verwalter von feierlichem Brauchtum, nicht als Hüter und Verkünder einer Glaubenslehre, die sich nicht der Beliebigkeit des Zeitgeistes unterwirft. Warum aber die Aufregung, wenn Kickl das tut, was vor ihm nicht der FPÖ zugehörige Politiker mit Hingabe getan haben? Die Frage ist da nicht, darf man Bischöfe kritisieren, sondern wer darf Bischöfe kritisieren. Nur die einen, wenn es gerade ins politische Konzept passt und nicht die anderen?
Christian Weniger ist Journalist in Graz.