Graz hat gewählt – und machte die regierenden Kommunisten dabei stärker als je zuvor. Eine Fortführung der Koalition mit den Grünen scheint derzeit am wahrscheinlichsten. „Wenn die neue Regierung steht, stehen wir vor der Tür“, kündigt Kurt Maier, Präsident der steirischen Industriellenvereinigung und Vorsitzender der Innoregio Styria, an.

Die Innoregio ist ein Netzwerk aus Unternehmen, den steirischen Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Sie alle fordern von der Landeshauptstadt, dass sie sich stärker als „europäische Innovationsmetropole“ positioniert. „Mit Graz verbindet man Tourismus und Kultur. Wir wollen, dass man auch das Wort Forschung in den Mund nimmt, wenn man an Graz denkt“, sagt Maier.

Wirtschaftsmotor Forschung

Die Zahlen sind deutlich. Acht Hochschulen gibt es in Graz und rund 60.000 Studierende. Der produzierende Sektor beschäftigt direkt und indirekt 30.000 Personen, jede vierte Arbeitnehmerin und jeder vierte Arbeitnehmer in Graz ist in der Industrie oder industrienahen Dienstleistungen tätig. Unternehmen im Grazer Zentralraum investieren laut Innoregio Styria jährlich mehr als eine Milliarde Euro in Forschung. Zusammen mit den Hochschulen und Forschungseinrichtungen erreicht Graz eine Forschungsquote von acht Prozent.

Gerade die enge Verzahnung von Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Industrie und Start-ups mache den Standort aus. Kompetenzzentren arbeiten an Technologien wie Batterien der Zukunft, Wasserstoff, digitaler Mobilität, biotechnologischen und pharmazeutischen Verfahren sowie Cybersecurity und Künstlicher Intelligenz.

„Eine Marke fehlt“

„Wir haben ein funktionierendes Ökosystem aus Industrie und Forschung“, betont Maier. „Wir sind innovativ, aber es wissen zu wenige.“ Das Potenzial von Graz als Innovationsstandort müsse konsequenter genützt und international sichtbar gemacht werden. „Es fehlt uns hier eine Marke“, so Maier. „Forschung und Innovation bilden die DNA zahlreicher Grazer Institutionen, es ist an der Zeit, diese zu bündeln und für eine gesteigerte Standortattraktivität weithin sichtbar zu machen. Von der neu gewählten Stadtregierung wünschen wir uns eine positive Haltung und proaktive Unterstützung.“

Gibt sich die Stadt mit dem Status quo zufrieden, drohe Abwanderung und der Verlust von Fachkräften, warnen auch die Vertreter von Hochschulen. „Es geht um mehr als um Forschung. Graz muss als Raum über seine Grenzen hinaus strahlen. Dafür brauchen wir Angebote an qualifizierte Menschen, damit sie hier auch bleiben wollen. Zum Beispiel im Bildungsbereich“, erklärt Corinna Engelhardt-Nowitzki, Rektorin der FH Joanneum und Vorsitzende der steirischen Hochschulkonferenz. Ziel muss es sein, den „Hidden Champion Graz“ zur sichtbaren Innovationsmetropole Europas weiterzuentwickeln. „Wenn es um Innovation geht, nehmen die Hochschulen eine zentrale Rolle ein. Sie lehren neue Kompetenzen, ziehen internationale High Potenzials an und sorgen damit für qualifizierten Nachwuchs.“

TU-Graz-Rektor Horst Bischof warnt: „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht rechts und links überholt werden. Es braucht den gemeinsamen Willen, das Potenzial für den Standort zu nutzen und dafür zu sorgen, dass aus den Innovationen hier Unternehmen und Arbeitsplätze entstehen.“ Graz ist führend in Österreich bei den hier angesiedelten Kompetenzzentren (Comet), „das ist ein Magnet für Gelder aus der Industrie“, weiß Bischof. „Die Universitäten sind hier wie das Backpulver im Kuchen – sie sorgen dafür, dass er aufgeht.“

Markus Ritter, Spartenobmann der Industrie in der Wirtschaftskammer Steiermark, merkt kritisch an, dass „die Stadtentwicklung an der Stadtgrenze endet. Graz denkt zu wenig groß.“ Erforderlich sei eine abgestimmte Zusammenarbeit von Stadt, Umland und Land sowie den Partnerregionen im Alpe-Adria-Raum. „Der Süden Österreichs muss eine neue regionale Größe werden. Graz gehört dazu weiter gedacht und muss sich in der gesamten Alpe Adria Region als Innovationshauptstadt etablieren und stärker vernetzen“, meint Ritter.