Noch liest sich „Schmur“ wie ein Tippfehler. Das soll sich ab Dienstag ändern: Da nämlich nimmt mit „Schmuck an der Mur“ (Schmur) das erste Grazer Festival für Schmuckkunst den Betrieb auf. Organisiert wird die Reihe von der Schmuckkünstlerin Stephie Morawetz, die in Trier und Tel Aviv studiert hat und Schmuckdesign an der Grazer Ortweinschule unterrichtet – und die mit ihrer bemerkenswerten Initiative eine eindrucksvolle, aber mit den Jahren leicht verkarstete Tradition der Grazer Schmuckkunst aufgreift. Diese hatte sich seit den 1980er-Jahren formiert, brachte Künstlerinnen und Künstler wie Barbara Edlinger, Andrea Zahlbruckner-Jaufer, Werner Schmeiser, Wolfgang Rahs, Joachim Baur hervor und gedieh dank Plattformen wie Werkstadt Graz und kunst.wirt.schaft.
Zwölf Tage Festivalprogramm
Letztere ist nun auch einer der Schauplätze des zwölftägigen Festivalprogramms, zu dem ein Symposion über Schmuckkunst, Residencies und queer-feministisches Karaoke ebenso gehören wie mehrere Schmuck-Vernissagen: Unter anderem zeigen die Meisterklasse Schmuck und Metallgestaltung der Ortweinschule und das Schmuckkolleg der KunstModeDesign-Schule Herbststraße Wien ihre Arbeiten. Eröffnungsprojekt und ein Höhepunkt des Programms ist die Vernissage der Ausstellung „Copy:Paste“, in der heimische Schmuckkünstlerinnen und -künstler in ihren Arbeiten aufeinander reagieren.
Das bringt am Dienstag auch eine der renommiertesten Schmuckkünstlerinnen des Landes nach Graz: die gebürtige Südsteirerin Petra Zimmermann, in der Sparte experimentelles Modedesign unlängst mit dem „Outstanding Artist Award“ des Kulturministeriums ausgezeichnet. Zimmermanns Schmuckstücke seien „nicht nur innovativ im künstlerischen Sinne, sondern auch als Kommentare auf Wertschöpfung, Erinnerung und Wiederverwertung zu lesen“, hieß es in der Begründung der Expertenjury: „Damit beweist sie eindrucksvoll, dass Schmuck nicht nur getragen, sondern auch gedacht werden will.“
Fast könnten derlei schöne Sätze darüber hinwegtäuschen, dass Österreichs Schmuckkunst in Sachen öffentliche Wahrnehmung, Ausbildung, Förderung sträflich unterrepräsentiert ist. Aber gerade das ist für Zimmermann ein wichtiger Grund, zu „Schmur“ nach Graz zu kommen: „Stephie Morawetz bringt frischen Wind in eine Szene, die sich erst wieder finden muss“, sagt sie; seit Ende des Schmuck-Studiums an der Wiener Angewandten in den 80ern habe Österreich in Sachen Schmuckkunst einen akademischen und institutionellen Niedergang erlebt, der neu überwunden werden muss.
Zimmermann selbst hat an der Angewandten bei Brigitte Kowanz transmediale Kunst studiert, ehe sie sich Schmuckkonzepten jenseits von Materialwert und Statussymbolik zuwandte und damit begann, historische Schmuckstücke in zeitgenössische Formen und Objekte zu transformieren. In ihrem Atelier werden aus silbernen Taschenverschlüssen frappante Colliers und aus biederen Blümchenbroschen wundersame Ringskulpturen. Heute zählt die Wahlwienerin mit ihren experimentellen und dabei tragbaren Arbeiten zu den heimischen Schmuckkünstlerinnen, die auch international viel gefragt sind: Zu ihren Vertretungen zählen etwa die Berliner Oona Galerie oder die Ornamentum Gallery in Hudson, NY, die auch die Art Basel Miami beschickt. Im Herbst wirkt Zimmermann am Österreich-Schwerpunkt der Schmuckbiennale Lissabon mit. Die nächste Station aber ist Graz: „Es geht darum, die Szene aufzubauen und zu stärken.“
Schmur. Vernissage Copy:Paste. 7. Juli, 19 Uhr.
Am_Glacis_Kunst- & Kulturverein, Glacisstraße 61a, Graz.
Festivalprogramm: www.notonlydecoration.org/schmur