Mit rund 25 Teilnehmenden ist es ein kleiner, sehr erlesener Kreis, der sich die „10 Marathons in 10 Tagen“ in Bad Blumau antut. Und schon muss man korrigieren: „Antun“ ist äußerst unpräzise, denn hier in der Thermenregion tut sich streng genommen niemand etwas an. In einer Laufveranstaltung dieser Größenordnung ist man aus purer Lust am Laufen dabei. Keine Frage: Die Teilnehmenden sind allesamt Könner, haben Durchhaltevermögen, kennen ihre Grenzen bestens und sind äußerst ausdauernd. Und sie sind „Kilometersammler“.

Auf einen trifft dies zu wie auf kaum jemand anderen: Vito Piero Ancora zählt seit Jahren zum „Stammpersonal“ in Bad Blumau – und sogar zur Weltspitze. Denn gemessen an der Anzahl an absolvierten Marathons liegt der 73-jährige Italiener weltweit auf Platz fünf. Seine Leistung und seine Zahlen muss man sich vorstellen – oder es zumindest versuchen: Am Sonntag, dem zehnten und letzten Wettkampftag in Bad Blumau, wird er seinen 2030. Marathon gelaufen haben. Spricht man mit dem „Pugliese“, wie die Einwohner Apuliens genannt werden, bekommt man vielleicht eine leise Vorahnung, wie man in diese Sphären vordringen kann. Zeiten? Die sind ihm egal. Ziele? Hat er keine.

Um die Jahrtausendwende und in seinen Vierzigern hat er mit dem Laufen begonnen. Er merkte: „Es tut mir gut. Dem Kopf, dem Körper. Die Bewegung hält mich fit.“ Die Zeit, die Gleichgesinnte ihren Uhren ablesen, sobald sie über der Ziellinie oder an der Haustüre stehen, interessierte ihn nie: In Bad Blumau brauchte er dieser Tage einmal 7:35 und am nächsten Tag 6:01 Stunden. „Stress brauche ich nicht“, sagt er, während er mit seinen Händen gestikuliert, „wer mich kennt, weiß, dass ich alles ruhig angehe“.

Ancora auf der Ziellinie in Bad Blumau
Ancora auf der Ziellinie in Bad Blumau © KK

Ruhig ist für andere in dieser Hinsicht womöglich ein dehnbarer Begriff. Ancora jedenfalls fand seine Ruhe schon bei den großen Marathons in den größten Metropolen dieser Welt. Und nicht nur dort: Auch harten Prüfungen wie Ultramarathons stellt er sich – noch heute. 100 Kilometer im Laufschritt? Kein Problem. Die „100 Kilometer del Passatore“ in Italien, von Florenz nach Faenza, hat er heuer in elf Stunden absolviert.

Welchen Stellenwert Bad Blumau für jemanden, der die Welt gesehen hat? „Einen großen“, sagt er – die Chance, 10 Marathons in 10 Tagen zu sammeln, lassen sich er und zahlreiche andere seiner Landsleute nicht entgehen. Auf die Frage, wie er sich stunden- und tagelang in der Oststeiermark zu unterhalten weiß, schmunzelt er – und liefert wohl gleich die Antwort mit, wie er es schafft, die 422 Kilometer so leichtfüßig hinter sich zu lassen: „Ich tratsche gern, ich plaudere währenddessen mit den anderen. Und ich bin ein Beobachter: Ich fotografiere die Umgebung mit den Augen.“

Magische Marke von 2000 Marathons im April geknackt

In seiner Heimat hat er im April dieses Jahres seinen 2000. Marathon bestritten. Die Zahl, behauptet Ancora, bedeutet ihm genauso wenig wie die Zeiten, in der er die 42,195 Kilometer läuft. „Ich mache das für mich, ich muss niemandem etwas beweisen.“ Er lässt sich in Bad Blumau von den Beinen tragen, kein Schritt ist wichtiger als der nächste. Ziele hat er keine, sagt er. Auch nicht in der Weltrangliste der Marathonsammler: An der Spitze liegt der Deutsche Christian Hottas, „un amico mio“, sein Freund, sagt Ancora: Er hat mehr als 3300 Marathons absolviert. Ancora denkt, wenn überhaupt, von Lauf zu Lauf: „Ich habe nie in meinem Leben Pläne gemacht.“