„Es ist ein Wahnsinn. Meine Mutter ist über 90 Jahre alt, hat seit Jahren ihr soziales Umfeld im Seniorenwohnheim und jetzt erfährt sie ganz plötzlich, dass sie ausziehen muss“, mit diesen Worten meldete sich Montagvormittag eine Frau bei der Kleinen Zeitung.
Es geht um das Seniorenheim der Volkshilfe im Villacher Stadtteil St. Martin. Dass das Haus in der Schlossgasse umfangreich saniert werden soll, ist schon seit rund zwei Jahren bekannt. Die konkreten Pläne wurden vor zwei Wochen bei einer Pressekonferenz präsentiert. Seither herrscht Verunsicherung bei den Bewohnerinnen und Bewohnern sowie deren Angehörigen. Denn das Gebäude wird zwar unter laufendem Betrieb umgebaut, künftig aber nicht mehr als klassisches Seniorenwohnheim geführt.
Das bisherige Heim wird aufgelöst und in betreubare Wohnungen umgewandelt, in denen Leistungen wie Pflege, Reinigung oder Essen dazugebucht werden können. „Wir haben das genau so bei mehreren Infoveranstaltungen kommuniziert“, sagt Jürgen Pfeiler, Geschäftsführer der Volkshilfe Kärnten. Davon will die Tochter der 90-jährigen Bewohnerin nichts wissen. „Sogar Mitarbeiterinnen haben bei meinem letzten Besuch überrascht und verzweifelt gewirkt“, sagt sie. Auch eine weitere Bewohnerin meldete sich telefonisch bei der Kleinen Zeitung und erklärt, dass sie erst durch die jüngste Berichterstattung erfuhr, dass es zukünftig kein Seniorenwohnheim mehr geben wird.
„Erst jetzt mit dem offiziellen Baustart wird wohl vielen bewusst, dass es wirklich ernst wird“, so Pfeiler. Er ist überzeugt, dass ausreichend informiert worden sei. In den nächsten Tagen stünden außerdem noch persönliche Gespräche mit allen Bewohnern des Hauses an.
Mit dem Umbau des Hauses wird ein politischer Kurswechsel umgesetzt: Statt stationärer Pflege soll künftig verstärkt auf mobile Pflege gesetzt werden. Während im Seniorenwohnheim Menschen mit maximal Pflegestufe zwei wohnen können, ist in den betreubaren Wohnungen auch ein Leben mit höherem Pflegebedarf möglich. Finanziell kämen laut Pfeiler zwar andere Fördermittel zur Anwendung, teurer werde das neue Wohnmodell für die Bewohnerinnen und Bewohner aber nicht.
Spätestens mit 1. Jänner 2027 soll die Umstellung erfolgen. Wer im Haus bleiben möchte, bekäme selbstverständlich eine Wohnung angeboten. „Wir schmeißen niemanden hinaus“, betont Pfeiler und verweist auf die gesetzliche Verpflichtung, bei der Suche nach anderen Unterkunftsmöglichkeiten zu unterstützen. Den Pflegekräften werde außerdem angeboten, in die mobile Pflege zu wechseln. Nicht alle würden dieses Angebot annehmen.
Heute erfolgte der offizielle Baustart. Ob jene der derzeit 62 Bewohnerinnen und Bewohner, die sich für das Bleiben entscheiden, mit der Baustellenkulisse über viele Monate leben können, wird sich noch weisen. Nach der Fertigstellung im Jahr 2029 werden sich an dem Standort neben den 77 betreubaren Wohnungen auch noch eine Seniorentagesstätte, ein Übergangswohnen und eine Frauennotschlafstelle an der Adresse befinden. Die Kosten belaufen sich auf 15,7 Millionen Euro.