Zum „Bewerb der besten ersten Sätze“ kürte Jurorin Brigitte Schwens-Harrant am Freitag das Jubiläums-Wettlesen, das auch an diesem zweiten Lesetag mit der hohen Qualität der Texte beeindruckte. Das Lob galt dem von Mara Delius nominierten Deutschen Ozan Zakariya Keskinkılıç, dessen Text „Vater ohne Sohn“ sehr gut ankam – außer bei Philipp Tingler, der daran „Neukölner Biedermeier“ bemängelte.
Grandioser Einstieg
Schon am Vortag war ja der „grandiose Einstieg“ in Jovana Reisingers Geschichte („Die Rosen blühen, die Sonne scheint, die Erde dreht sich, nur Maria ist unglücklich“) gelobt worden, in der, so wie bei Mareike Fallwickls „Die Wut, die bleibt“, ein Sprung vom Balkon den Anfang macht. Bei Lena Schättes Lesung als erste am Freitag war nicht nur Laura de Weck begeistert: „Ich liebe diesen ersten Satz!“ („Wir finden zueinander, weil wir die dicksten Mädchen in der Schule sind.“) Auch die restliche Jury lobte nahezu einhellig die Geschichte „Was wir tragen“, die von Thomas Strässle vorgeschlagen wurde. Von literarischer Superkraft war da die Rede, von existenzieller Wucht und von großer Literatur.
Auch den ersten Satz von „Refugio“ der Schweizerin Seraina Kobler, die von Philipp Tingler eingeladen wurde, beurteilte Jurorin Mara Delius als „sehr gelungen“. Der Rest der Jury war nicht so angetan, Thomas Strässle konstatierte etwa eine Max-Frisch-Überschreibung und meinte: „Das ist mir zu raunend“.
Die Diskussion über Magdalena Schrefels kühlen, autofiktionalen Text über eine Brustkrebs-Erkrankung („Kirschen, Herz mit Verband“) fiel den Juroren nicht leicht. Die in Korneuburg geborene, in Berlin lebende Autorin ist die erste Österreicherin im heurigen Bewerb. „Beiläufigkeit ist die riesige Stärke dieses Textes“, befand Klaus Kastberger, „ich würde jetzt nicht in Extase fallen“ hingegen Philipp Tingler.
„Super Text“
Da gefiel dem Schweizer Provokateur der letzte Beitrag des Tages schon besser: Caroline Rosales´ Erzählung „Das Schiff des Theseus“ dreht herkömmliche Geschlechterverhältnisse um und spricht über Sexarbeit von Männern für Frauen. Klaus Kastberger meinte: „Ein super Text. Wahnsinnig lustig, weil er alle denunziert.“ Und sogar sein Sparringpartner Tingler war einig mit ihm: „Das ist zum Teil so schamlos klischeehaft, dass es mich schon wieder freut. I’m a fan!“ Der erste Satz in diesem Text ist übrigens vergleichsweise unspektakulär: „Manchmal willst du mit mir reden, aber ich bezahle dich nicht fürs Reden.“