Maria Thalhammer ist keine Frau, die sich bremsen lässt. Ob nun mit 22 Jahren, als sie sich auf die Suche nach einer Au-Pair-Familie in London machte, um in der Sprachschule Englisch zu lernen. „Früher hieß es ja, du heiratest eh, du brauchst keine Ausbildung. Ich wollte aber mehr.“

Und sie lässt sich auch jetzt mit 71 Jahren nicht bremsen, als sie erfährt, dass für den Song-Contest in Wien Volunteers gesucht werden. „Ich musste drei Videos einschicken – eines in Englisch – und ein Casting machen. Und sie haben mich genommen. 600 haben sie gesucht. 2000 haben sich beworben. Und nur zehn der Freiwilligen waren über 60 Jahre alt“, sagt die Pensionistin und strahlt. Warum man sich für sie entschieden hat? Unter anderem, weil Thalhammer Englisch und Französisch spricht.

Die 71-Jährige wurde extra für den Songcontest ausgerüstet
Die 71-Jährige wurde extra für den Songcontest ausgerüstet © Carmen Oster

Denn noch in London startete sie seinerzeit schon die Suche nach einer Au-Pair-Stelle in Paris. „Ich habe die Anzeige im ,Le Figaro‘ gefunden. Von 1978 bis 1979 habe ich mein Paris entdeckt. Erst im vergangenen Jahr bin ich wieder hingefahren – und ich habe es wieder gefunden“, so Thalhammer, die am 22. Juni 2023 ihren Mann Wolfgang unerwartet verloren hat.

„Ich lebe noch. Es ist mein Leben“

„Wir sind auf der Terrasse gesessen. Er meinte noch: ‚Schau Maria, wie schön wir es haben.‘ Es war ein Herzinfarkt“, sagt die Witwe und schweigt kurz. „Ich habe getrauert und viel geweint. Aber nach einer Zeit dachte ich: Ich lebe noch.“

Maria Thalhammer bei ihrem kleinen Teich: „Ich habe auch getrauert, so ziemlich genau ein Jahr. Dann dachte ich: Ich lebe ja noch. Es ist mein Leben“
Maria Thalhammer bei ihrem kleinen Teich: „Ich habe auch getrauert, so ziemlich genau ein Jahr. Dann dachte ich: Ich lebe ja noch. Es ist mein Leben“ © Carmen Oster

Seither hat Maria Thalhammer ihren Alltag umgestellt. „Ich habe mir das Klimaticket gekauft. Ich mache jetzt alleine kleinere und größere Reisen“, sagt die Frau, die beruflich für verschiedene Unternehmen weltweit unterwegs war. Unter anderem betreute sie bei Semperit den nordafrikanischen Markt oder lebte auch für eineinhalb Jahre in Singapur, als sie für RHI Magnesita arbeitete. Auch Libyen und Ägypten kann man auf diese Liste schreiben.

Jeden Mittwoch leistet sie Gesellschaft

Nach dem Tod ihres Mannes hat sich die 71-Jährige beim Besuchsdienst vom Roten Kreuz angemeldet. Jeden Mittwoch leistet sie nun von 14 bis 17 Uhr anderen Gesellschaft. Und sie nimmt Klavierunterricht. „Ich habe bei der Musikschule angerufen und gemeint: Ich kann keine Noten lesen, ich bin nicht musikalisch, aber ich würde gerne Klavier spielen. Die Antwort: ,Dann sind Sie bei uns richtig!‘“

„Ich habe bei der Musikschule angerufen und sagte: Ich kann keine Noten lesen, ich bin nicht musikalisch, aber ich würde gerne lernen Klavier zu spielen. Sie meinten nur: ,Dann sind Sie bei uns richtig!‘“  
„Ich habe bei der Musikschule angerufen und sagte: Ich kann keine Noten lesen, ich bin nicht musikalisch, aber ich würde gerne lernen Klavier zu spielen. Sie meinten nur: ,Dann sind Sie bei uns richtig!‘“   © Carmen Oster

Zahlreiche Anekdoten fallen der 71-Jährigen ein, die wieder Freude am Leben gefunden hat. „Ich habe meinen Mann bei der Arbeit kennen gelernt. Wir haben viel erlebt.“ Nicht nur Schönes. Wie ein Brand im Wohnhaus der Familie im August 2000. „Ich war mit meiner Tochter daheim, sie hatte eine Freundin zu Besuch. Wir sind über eine Leiter geflohen. Das war ein tiefer Einschnitt.“

Erinnerungen an eine ganz besondere Zeit: Maria Thalhammer wurde als Volunteer für den Song-Contest (ESC) extra ausgerüstet
Erinnerungen an eine ganz besondere Zeit: Maria Thalhammer wurde als Volunteer für den Song-Contest (ESC) extra ausgerüstet © Carmen Oster

Zurück zu etwas Erfreulicherem – dem Songcontest. „Ich dachte, wenn sie mich nicht nehmen, ist mir das Wurscht. Nicht Wurscht wäre es mir gewesen, wenn ich mich nicht getraut hätte, es zu versuchen.“

Vier Tage lang hilft sie mit und bringt Menschen mit Handicap zu ihren Plätzen. „Ich habe mir immer die Nachtschicht ausgesucht“, sagt Maria Thalhammer.

Für immer in Erinnerung behalten, wird sie einen „englischen Gentleman“. „Er war blind und auch nicht gut zu Fuß. Er hat mich gebeten, ihn nach der Show wieder abzuholen. Der Security meinte, dass ich bleiben kann, um mir die Show anzuschauen. Ein unglaubliches Erlebnis“, so Thalhammer, die in St. Lorenzen einen Weinhandel betreibt. Was als nächstes auf dem Plan steht? „Dies und das. Fest steht, dass ich mir den Carinthischen Sommer anschauen will.“