Das Handyverbot an Schulen beäugt Mathias Krammer skeptisch – mit gutem Grund: Bei seinen Studien sind dem Forscher der Pädagogischen Hochschule Steiermark eine Vielzahl an kreativen Wegen untergekommen, dieses Verbot zu umgehen: „Das gipfelte in einem Schüler, der sich in der Pause in einem Papiercontainer versteckte, um dort ungestört mit seinem Smartphone zu spielen.“
Insgesamt 500 Schülerinnen und Schüler in der ganzen Steiermark hat Krammer für sein Forschungsprojekt zur Nutzung und Auswirkungen von Sozialen Medien in der Grundstufe II und Sekundarstufe I gemeinsam mit einem Team aus 15 Studierenden befragt. Das Projekt wurde als Längsschnittstudie angelegt, bei der neun bis elfjährige Kinder über ein Jahr hinweg dreimal zu ihrem Nutzungsverhalten befragt wurden.
Probleme mit ihrem Selbstwertgefühl
Krammer befindet sich mitten in der Auswertung der ersten beiden Fragerunden und stellt ein ernüchterndes Fazit aus: „Kinder, die Soziale Medien nutzen, haben größere Probleme mit ihrem Selbstwertgefühl und zeigen mehr emotionale Probleme als Kinder, die das nicht tun.“ Die Tendenz, dass Soziale Medien depressive Störungen bei Kindern begünstigen, ist für den Hochschulprofessor nicht neu. Krammer entwickelte bereits einen Depressionstest für die Altersgruppe acht bis zwölf Jahre, in dem Fragen zu Social-Media-Aktivitäten gestellt wurden. Schon da stellten sich deutliche Zusammenhänge mit dem psychischen Wohlbefinden heraus.
Im aktuellen Folgeprojekt, das letztes Jahr startete, untersucht Krammer nun, welche Apps die Kinder auf ihrem Handy konkret nutzen, welchen Einfluss Soziale Medien auf Kreativität und Aufmerksamkeit hat und wie sie sich auf das psychische Wohlbefinden und die schulische Leistung auswirken. Dazu gewähren ihm die Studienteilnehmer auch direkten Zugriff auf ihre Smartphones, mit teils verblüffenden Einblicken: „Wir haben Fälle von Kindern, die ihre Handys ohne zeitliche Einschränkung nutzen dürfen. Die kommen auf bis zu 35 Stunden pro Woche, die sie auf Sozialen Medien und Spieleplattformen verbringen. Das ist fast schon ein Fulltime-Job, zusätzlich zu Schule und Freizeit. Und das bis 10- bis 11-Jährigen“, sagt Krammer.
„Screen-Locks“
Um überhaupt auf dieses Stundenkontingent zu kommen, schlagen sich die Kinder vor allem die Nächte um die Ohren – wenn sie nicht von sogenannten „Screen-Locks“, also Zeitbeschränkungen durch die Eltern, eingegrenzt sind. Solche Schranken sind von Schule zu Schule unterschiedlich verbreitet, Krammer weiß von Beispielen, wo mehr als die Hälfte der Handys einer Klasse über solche „Screen-Locks“ verfügt, anderswo kein einziges. Unterschiede zeigen sich auch bei den Geschlechtern: Während die Jungen stundenlang mit Spielen wie „Roblox“ oder „Brawlstars“ verbringen können, nutzen Mädchen eher Social-Media-Apps wie Instagram.
Dass viele dieser Social-Media-Apps eigentlich Altersbeschränkungen verhängt haben, stört die junge Zielgruppe nicht, so Krammer: „Sie sind technisch sehr gut drauf und lernen rasch, die Schranken zu umgehen. Oft reicht dafür einfach, ein falsches Geburtsdatum anzugeben oder etwas Geduld.“ Sogar Kinder ohne eigenes Smartphone verschaffen sich Zugang zu Sozialen Medien, dann eben über die Geräte ihrer Eltern – manchmal auch ohne deren Wissen. Krammer kritisiert aber nicht die Erziehungsberechtigten an sich, die oft selbst über zu geringe Medienkompetenz verfügen. Vielmehr sieht er eine Lösung in verstärkter Bildung und Aufklärung. „Die Einführung der digitalen Grundbildung ist ein wichtiger erster Schritt, der noch weiter forciert werden muss. Verbote bringen nicht viel, da sie umgangen werden und technisch kaum zu kontrollieren sind.“
Technologiekonzerne in der Pflicht
Ebenfalls in der Pflicht sieht der Forscher jene, die an der frühkindlichen Handynutzung verdienen – die großen Technologiekonzerne. Sie hätten es in der Hand, wirkungsvolle Altersschranken einzusetzen und vor allem die Algorithmen, die gezielt das Suchtverhalten in der Nutzung von Sozialen Medien befeuern, umzugestalten. Krammer sieht hier die europäische Politik gefordert: „Ein einzelnes nationales Vorgehen eines kleinen Landes wie Österreich wird kaum etwas bewirken.“