Wenn Anfang Juni der Duft von Gailtaler Speck durch Hermagor zieht, geht es längst um mehr als Kulinarik. Das Gailtaler Speckfest hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor entwickelt. Rund 30.000 Besucher, elf Speckbauern und etwa 60 Aussteller machen die Bezirksstadt von 5. bis 7. Juni zum Zentrum der Gailtaler Genusskultur. Schon Tage vor dem Fest laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. „Die letzten zwei Wochen sind besonders arbeitsintensiv. Jeder will noch wissen, wo sein Standplatz ist oder hat Fragen rund um das Fest“, sagt die stellvertretende Obfrau des Gailtaler Speckvereins, Anita Schluder, die die Standplatzeinteilung koordiniert.
Wertschöpfung weit über die Festmeile hinaus
Für bäuerliche Betriebe zählt das Gailtaler Speckfest zu den wichtigsten Terminen des Jahres. „Für kleinere Betriebe ist es eine wichtige Einnahmequelle und gleichzeitig die beste Werbung für unsere Produkte“, sagt Obmann Johannes Smole. Die wirtschaftliche Bedeutung reicht weit über die Festmeile hinaus: Rund 5000 zusätzliche Nächtigungen und eine regionale Wertschöpfung von etwa einer Million Euro werden dem Fest zugeschrieben. Hotels, Gastronomiebetriebe, Geschäfte und Direktvermarkter profitieren gleichermaßen.
Zum Erfolg trägt mittlerweile auch die digitale Reichweite bei. Die Food- und Lifestyle-Influencerin Casey Wolf machte heuer auf Instagram und TikTok Werbung für das Speckfest. Mehr als 800.000 Aufrufe auf Instagram und weitere 153.000 auf TikTok sprechen für sich. „Wenn wir junge Zielgruppen erreichen, sichern wir langfristig die Zukunft des Speckfestes und unserer bäuerlichen Betriebe. Genau deshalb ist diese Aufmerksamkeit so wertvoll“, sagt Smole.
Jeder Speck schmeckt anders
Im Mittelpunkt steht dennoch der Gailtaler Speck g.g.A., der seit 2002 europaweit geschützt ist. Produziert werden darf er nur nach strengen Richtlinien innerhalb der Region. „Jeder Betrieb hat seine eigene Handschrift. Jeder Speck schmeckt etwas anders“, sagt Schluder. Familienrezepte, unterschiedliche Gewürzmischungen und traditionelle Herstellungsverfahren sorgen für die Vielfalt. Neu im Programm sind heuer geführte Speckverkostungen. Gemeinsam mit Experten werden verschiedene Speckspezialitäten und passende Biere verkostet. „Die Leute sollen bewusst verkosten und die Unterschiede kennenlernen“, erklärt Smole.
So erfolgreich die Direktvermarktung auch ist, die Herausforderungen für die Produzenten wachsen. Gestiegene Futtermittelpreise, höhere Betriebskosten und der enorme Arbeitsaufwand beschäftigen die Betriebe zunehmend. „Die Preise für Futtermittel sind in den letzten Jahren stark gestiegen“, berichtet Schluder. Viele Familien versuchen dies durch Eigenleistung abzufedern. Auf ihrem Betrieb arbeiten mehrere Generationen zusammen. Gerade deshalb sieht sie im Speckfest eine wichtige Bühne für die Landwirtschaft: „Wir können den Menschen zeigen, was wir das ganze Jahr über machen und wie viel Arbeit hinter unseren Produkten steckt.“
Ein Fest des Miteinanders
Neben den wirtschaftlichen Zahlen zählt für die Beteiligten vor allem der Zusammenhalt. „Jeder hat sein eigenes Produkt. Wenn jemand etwas braucht, hilft man sich aus“, sagt Schluder. Wenn am Samstagvormittag traditionell der erste Speck angeschnitten wird, fällt die größte Anspannung von den Organisatoren ab. Dann übernimmt das Publikum die Hauptrolle – und Hermagor wird für drei Tage zur Bühne für gelebte Regionalität und bäuerliches Handwerk.