902 Tage ist es her, dass ein gewaltiger Erdrutsch und mehrere nachkommende Felsbrocken im Dezember 2023 den Plöckenpass auf italienischer Seite unter sich begruben und meterhoch verlegten. 902 Tage lang wusste niemand, wie lange die wohl wichtigste Verbindungsstraße zwischen Kärnten und Italien gesperrt sein würde. 902 Tage wusste in der angrenzenden Gailtaler Gemeinde Kötschach-Mauthen niemand eine Antwort auf die Frage, wie es weitergehen wird. Vor etwas mehr als einer Woche nahm eine lange Zeit der Entbehrung endlich ein Ende: der Plöckenpass wurde feierlich – mit kleinen Einschränkungen – freigegeben.
Seitdem blüht Kötschach-Mauthen wieder auf. Laufend kommen Autos mit italienischen und deutschen Kennzeichen über den Plöckenpass in den Ort, man fällt sich in die Arme, lacht und stößt auf das Leben an. „Ich bin der glücklichste Mensch“, sagt Herbert Spörk erleichtert und grinst dabei von einem Ohr zum anderen. Der Gastronom übernahm vor etwa drei Jahren das „Café Eck“ in Mauthen. „Das sind 36 Monate, davon war an 25 der Plöckenpass gesperrt“, berichtet er von einer der schwersten Zeiten in seinem Leben. „Ich habe mich wie eingesperrt gefühlt“, so der Italien-Fan und fährt fort: „Man geht dort gerne was trinken, was essen oder besucht Freunde. Plötzlich, von einem auf den anderen Tag, ging nichts mehr.“
Ein schwerer Start
Um über die Runden zu kommen, verlängerte der Kötschach-Mauthener die Öffnungszeiten seines Lokals und stand vor allem abends länger hinter dem Tresen. „Jetzt bringt der Verkehr endlich wieder Leben zu uns. Die Leute bleiben stehen, bummeln durch die Straßen, trinken einen Kaffee, essen Kuchen oder ein Eis. Das ist einfach wunderschön“, freut sich Spörk. Gleichzeitig hofft er, dass der Plöckenpass nun dauerhaft geöffnet bleibt. „Ich würde mir von der Politik eine vernünftige Dauerlösung wünschen, sodass die Straße beim nächsten Vorfall nicht wieder für einige Jahre geschlossen ist.“
Laufend öffnet sich die Türe zum Café Restaurant Reiter und neue, hungrige Gäste treten ein. „Seit der Plöckenpass wieder geöffnet ist, haben wir deutlich mehr Kundschaft. Die Italiener und Durchreisenden waren sofort wieder im Ort“, bemerkt auch Seniorchefin Maria Mühlsteiger. Im Jahr 2022 übergab sie den Betrieb an die nächste Generation, ihren Sohn Johannes Mühlsteiger und dessen Freundin Lara Ertl. Der Start für diese war alles andere als einfach. „Zuerst legte die Pandemie alles lahm und dann wurde auch noch der Plöckenpass gesperrt. Das war für die Wirtschaft ganz schlecht. Wir mussten die Öffnungszeiten kürzen und Personal einsparen“, seufzt sie. Doch nun gehe es endlich wieder bergauf.
Kritische Stimmen
Seit Tagen stand das Team der „Aquarena“ in den Startlöchern, am Freitag wurde die Sommersaison im Schwimmbad feierlich eröffnet. „Wir haben uns extrem auf die Gäste aus dem Süden gefreut und ihnen alle Türen aufgehalten“, heißt es. Ein Danke möchte man an dieser Stellen allen einheimischen Stammgästen aussprechen: „Sie haben uns während der letzten 902 Tage unterstützt, wo es nur ging.“
Auch wenn die Freude über den geöffneten Plöckenpass überwiegt, sind dennoch ein paar kritische Stimmen zu vernehmen. „Viele haben nach der langen Zeit mit einem fertigen Projekt gerechnet beziehungsweise sich eines erwartet. Man fragt sich, ob auf italienischer Seite überhaupt etwas getan wurde“, erzählt ein örtlicher Gastronom, der anonym bleiben möchte. Die Zeit seit Dezember 2023 habe er glimpflich überstanden. „Ich habe sehr viele einheimische Gäste“, sagt der Wirt. „Was ich jedoch bemerke, ist, dass der Motorradtourismus seit der Öffnung extrem zugenommen hat. So viele Gäste in Motorradkleidung waren bei mir noch nie.“
Deutlicher Durchzug spürbar
Dass die ruhigen Zeiten in seiner Gemeinde vorbei sind, freut auch Bürgermeister Josef Zoppoth. „Man merkt auf den Straßen und in den angrenzenden Betrieben, dass Kötschach-Mauthen wieder auflebt“, sagt er. Besonders am Pfingstwochenende sei der Durchzug deutlich spürbar gewesen. „Sehr viele Mtorradgruppen waren hier unterwegs“, bestätigt Zoppoth die Beobachtung des Wirtes. „Italiener kamen, um einzukaufen, zum Tanken, zum Essen und zum Kaffee trinken. Seit Freitag ist auch die ‚Aquarena‘ wieder geöffnet. Da haben wir an den Besucherzahlen auch gemerkt, dass der Weg von und nach Italien wieder frei ist.“
Blick in die Zukunft ist wichtig
Auch in der Nachbargemeinde Lienz ist die Erleichterung groß, dass der Plöckenpass nach der langen Sperre wieder befahrbar ist. „Die Aufhebung der Sperre am Plöckenpass ist für uns Lienzerinnen und Lienzer sehr erfreulich – sowohl in touristischer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Damit diese wichtige Verkehrsachse aber auch langfristig verlässlich und sicher bleibt, hoffe ich, dass sie von weiteren Naturereignissen verschont bleibt und die Verantwortlichen möglichst nachhaltige Lösungen zum Schutz der Passstraße finden“, verdeutlicht Lienz‘ Bürgermeisterin Elisabeth Blanik.
Zustimmung erhält sie von Michaela Hysek-Unterweger, Bezirksobfrau der Wirtschaftskammer Lienz. Der Plöckenpass sei eine relevante Lebensader für die Osttiroler Wirtschaft, sagt sie. „Insbesondere der Tourismus, der Handel und das regionale Handwerk sind auf diese Verkehrsverbindung von und nach Italien angewiesen. Jede Sperre trifft die Wertschöpfung im Bezirk Lienz sowie in den Kärntner Nachbarbezirken Hermagor und Spittal spürbar. Wichtig ist für uns aber auch der Blick in die Zukunft: Die geologische Situation vor Ort bleibt fragil. Für nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg brauchen unsere Betriebe Planungssicherheit – auch in Bezug auf die Verkehrswege. Die Wirtschaftskammer Lienz macht sich daher für eine dauerhafte, sichere Infrastrukturlösung stark. Wir müssen ergebnisoffen über Alternativrouten oder einen Scheiteltunnel diskutieren, um diesen wichtigen Alpenübergang dauerhaft wetter- und krisenfest zu machen.“
Blatt hat sich zum Guten gewendet
Die letzten Jahre haben ihre Spuren in der regionalen Wirtschaft von Kötschach-Mauthen hinterlassen. „Es war überhaupt keine Planungssicherheit gegeben“, meint Zoppoth und atmet beim Gedanken daran tief durch. „Man wusste nicht, wann der Plöckenpass wieder befahrbar ist und wie das dann vonstatten gehen wird. Diese Eröffnung wurde ja dreimal verschoben. Viele haben in Anbetracht dessen schon ein wenig resigniert und dem, was in den Medien geschrieben wurde, nur mehr wenig Glauben geschenkt“, so der Bürgermeister. Nun habe das Blatt sich zum Guten gewenden, die belastenden Jahre gehören nun der Vergangenheit an – und das hoffentlich für immer.